Ylfete Fanaj: «Albanische Diaspora lebt in einer Zwangsjacke»

Ylfete Fanaj (33), gebürtige Kosovarin, sitzt seit 2011 für die Sozialdemokratische Partei (SP) im Luzerner Kantonsrat. Von 2007 bis 2011 politisierte sie bereits im Luzerner Stadtparlament. Zudem ist Fanaj seit einem Jahr Fraktionschefin der 16-köpfigen SP-Fraktion im Luzerner Kantonsrat. Sie ist bisher die einzige Frau kosovarischer Herkunft in einem Schweizer Kantonsparlament.

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Ylfete Fanaj lebte mit ihrer älteren Schwester bei ihrer Grossmutter, bevor sie 1991 mit neun Jahren zu ihren Eltern und drei Geschwistern aus der kosovarischen Stadt Prizren nach Sursee in die Schweiz zog. Ihr Vater war Arbeiter in einer Brauerei, ihre Mutter Hausfrau. Nach der Sekundarschule absolvierte Fanaj eine KV-Lehre bei der Bildungsorganisation ECAP, und reiht kurz nach Abschluss noch die Berufsmatura an. «Ich hatte sehr gute Noten in der Primarschule und ging dann – als einzige Kosovo-Albanerin – in die Sekundarschule», blickt Fanaj zurück. 2009 schloss sie ihr Studium für Soziale Arbeit an der Hochschule Luzern ab. Mit ihrem schulischen Werdegang ist die Luzerner Politikerin zugleich das passendste Beispiel ihrer politischen Agenda.

«Für mehr Akzeptanz»

In der Politik engagiert sich Ylfete Fanaj für eine solidarische Gesellschaft. Ausserdem findet es die Politikerin äusserst wichtig, dass auch Secondos in der Politik direkt mitbeteiligt sind und mitbestimmen können. «Es ist wichtig, dass die Jugendlichen nicht in eine Opferrolle fallen. Wenn jemand dauernd sagt, als Albaner werde er in der Schweiz nur diskriminiert, dann kann das auch zur Prophezeiung werden, die sich selber erfüllt, indem man sich nicht so anstrengt», hebt Fanaj hervor. Sie will, dass die Jugendlichen beginnen, Eigenverantwortung zu übernehmen. Dies und ein starker Wille ebnen für Fanaj den Weg zum Erfolg. «Ausserdem müssen Jugendliche verstehen, wie sie ihre vermeintlichen Nachteile zu ihren Vorteilen machen», beteuert Fanaj. Vor allem wichtig für die SP-Politikerin ist jedoch Akzeptanz: «Wenn jemand schon seit Jahren in der Schweiz lebt oder gar hier geboren wurde, dann ist die Schweiz seine Heimat geworden. Logisch ist auch für mich, dass er auch politisch mitbestimmen soll, unabhängig von seinem Pass.» Die Schweiz habe ein extrem hohes Integrationspotential, ist Fanaj überzeugt.

«Zweifle an der Umsetzung des Potentials»

Dennoch zweifelt die 33-jährige Politikerin an der albanischen Gemeinschaft «Die Albaner bringen ein unglaubliches Potential und wertvolle Werte mit. Aber ich zweifle an der Umsetzung dieses Potentials.» Manchmal scheine es ihr so, als habe sich die albanische Diaspora eine Zwangsjacke selbst auferlegt. Die Gemeinschaft sei in ihren Geschichten und Mythen steckengeblieben und würde so etwas bewahren, was es zum Teil gar nicht mehr gebe. «Ich hoffe innig, dass wir eines Tages unser Potential vollständig entfalten können», wünscht sich die Luzerner Politikerin. Und wie genau entfaltet sich ein solches Potential? «Bildung ist ein bisschen meine Universallösung. Die erste Generation musste sich mit körperlicher Schwerstarbeit den Unterhalt verdienen. Hingegen die Chancen der zweiten Generation, eine höhere Ausbildung zu absolvieren, stehen sehr gut», erklärt Ylfete Fanaj.

Nichtsdestotrotz, was die Zukunft der albanischen Gesellschaft in der Schweiz angeht, zeigt sich Fanaj optimistisch: «Wir sind definitiv in der Schweiz angekommen.» Mehr Sorgen macht sich die linke Politikerin jedoch um den Kosovo. Die Lage dort ist prekärer denn je, doch Fanaj ist sich sicher, dass die Diaspora ihren Beitrag schon leistet: «Die jetzige Regierung und die Opposition drehen sich im Kreis. Das muss sich unbedingt ändern. Es braucht neue Politikerinnen und Politiker, die unverbraucht sind». Die Politik von Kosovo, so Fanaj, muss das Wohl des Landes zum Ziel haben und nicht die eigene Profilierung und Machenschaften. Es sei an der Zeit diese Verantwortung nun in die eigenen Hände zu nehmen, ist Fanaj überzeugt.