«Weissgefiedert wie ein Rabe»: Umgänge mit Martin Camajs Werk

Martin Camaj, ein Poet und Albanologe als Bewahrer des albanischen Sprachschatzes. Ein Kämpfer für das Gegische. Doch sein literarisches Œuvre war und ist nicht leicht zugänglich. Das hat mehrere kulturelle Gründe.

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Er war der erste Vertreter der albanischen Sprache und Literatur im deutschsprachigen Raum und zählte zu den wichtigsten Albanologen im Exil. Der 1925 in Nordalbanien geborene Martin Camaj schuf sein literarisches und wissenschaftliches Werk fern seiner Heimat, von der er lange Zeit nicht die verdiente Würdigung erfahren durfte. Er schrieb «für ein unerreichbares Publikum», wie es der deutsche Historiker Peter Bartl formuliert. Erst nach seinem Tod, 1992, erreichte er Kultstatus in Albanien.

Von Kritikern wird Camajs Gedichtband «Njeriu më vete e me tjerë» («Der Mensch in sich und mit anderen») auf den Rang eines der künstlerischsten und wichtigsten poetischen Werke in der gesamtalbanischen Lyrik gestellt. In seinem Buch «Contemporary Albanian Literature» schreibt Camajs Freund Arshi Pipa, ein albanischer Lyriker, Philosoph und Literaturwissenschaftler: «… die Sprache von ‹Der Mensch in sich und mit anderen› ist stark elliptisch und gar fragmentiert, entzieht sich dem Verständnis. Bilder weichen vom üblichen räumlich-zeitlichen Rahmen ab, Gleichnisse werden ungleich, Metaphern kreischen und erschüttern. … Wörter werden aus ihrer ursprünglich Position entrissen, als ob ein Tornado den Satz getroffen hätte…». Die deutsche Sprachwissenschaftlerin Elvira Glaser schreibt: «Aufgrund der grossen Vielfalt an Formen und Motiven zählt Camaj zu den führenden albanischen Lyrikern der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg».

Was aber macht Camajs Werk so unzugänglich? Welche Umgänge prägten die Rezeptionsgeschichte seines Œuvres? In seinem Buch «Bota poetike e Martin Camajt» («Die Welt der Poesie von Martin Camaj») schreibt der albanische Historiker und Literaturkritiker Ymer Çiraku eine kurze Anleitung darüber, wie Camaj gelesen werden soll. Dabei zählt er vier Spezifika auf, die als äussere Faktoren vor allem auf die Rezeption der Lyrik Camajs Einfluss nehmen. Werden diese Faktoren vor Augen gehalten, erleichtert die Berücksichtigung den schwierigen Umgang mit Camajs Lyrik.

Çiraku weist zuerst auf ein wesentliches Merkmal in Camajs Lyrik hin, nämlich auf die Verwendung des Gegischen als sprachliches Ausdrucksmittel. Die Vereinheitlichung der albanischen Schriftsprache passierte in den 1970er Jahren, der Zeit des kommunistischen Albanien. Bis dahin existierte das Gegische, welches die meisten Sprecher hatte (in Nord- und Mittelalbanien) und die ältere Tradition war. Die ersten albanischen Bücher waren im Gegischen geschrieben. Daneben war in Südalbanien das Toskische vorherrschend. Die kommunistische Führung – die überwiegend aus Südalbanien stammte – bevorzugte das Toskische, woraufhin diese auch zur einheitlichen albanischen Schriftsprache wurde. «Mein Leben ist ein Kampf für das Gegische» schreibt Martin Camaj. Wie Camajs Freund und Übersetzer Hans-Joachim Lanksch diesbezüglich meint, richtet sich Camajs Kampf für das Gegische nicht gegen eine gemeinsame Schriftsprache der Albaner, sondern gegen die aufgezwungene albanische Standardsprache. Camaj war gegen die Unterdrückung des gegischen Idioms und der damit verbundenen Kultur Nordalbaniens. In Camajs Schrift ist der Wunsch nach einer natürlichen Konvergenz der nord- und südalbanischen Idiome zu lesen. Mit der Zeit wird sein Gegisch abgemildert, er nähert sich der offiziellen Standardsprache durch phonologische und morphologische Merkmale, die den äusserlichen Unterschied der Idiome ausmachen. Jedoch bleiben Substanz und Struktur seiner Sprache immer noch dem Gegischen treu.

Damit hängt auch eine Tatsache zusammen, den Ymer Çiraku als zweites Spezifikum aufzählt. Seine ersten zwei Gedichtbände veröffentlichte Camaj in Kosovo. Die Bände «Nji fyell ndër male» («Eine Flöte in den Bergen») und «Kanga e vërrinit» («Das Lied der Winterweide») setzten neue Massstäbe in der kosovarischen Literatur und beeinflussten die dortigen Lyrikerinnen und Lyriker wesentlich. Laut Hans-Joachim Lanksch bekommt Camaj seit den 1990er Jahren in Kosovo mehr Wertschätzung als in Albanien. Auch pflegte Camaj während seiner Zeit in München die Kontakte zu kosovarischen Wissenschaftlern. So wurde er im Jahre 1990 zum Ehrenmitglied des Schriftstellerverbandes von Kosovo ernannt.

Obwohl die Albaner von Kosovo ebenfalls die Standardsprache angenommen haben, ist das Gegische dennoch gängig geblieben. Das hat die Rezeption der Lyrik Camajs in Kosovo erleichtert. Seine Wortneuschöpfungen und der Rückgriff auf die altalbanische und italoalbanische Sprache erschweren den Zugang zu Camajs Lyrik jedoch für alle Leserinnen und Leser.

Er hatte eine einzigartige Kenntnis der gesamten Palette albanischer Idiome – neben seinem heimatlichen Dialekt und dem der Stadt Shkodër kannte er das Kosovarische und die Dialekte der Arbëreshë. Er kannte die Sprache der ältesten Zeugnisse der albanischen Literatur, mit der er sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit ausgiebig beschäftigt hatte. Als Linguist kannte er die Dialekte Albaniens einschliesslich der südalbanischen Dialekte und der zur offiziellen nationalen Schriftsprache erklärten «vereinheitlichten» Sprache.

Als dritte Besonderheit betont Çiraku die Einteilung von Camajs Lyrik in die Moderne. Camaj wusste die Tradition mit der Moderne zu verbinden. Neben der altalbanischen Literatur beeinflusste auch die Literatur der griechischen und römischen Antike sein literarisches Schaffen, neben der Moderne durch die italienischen Hermetiker, die russischen Symbolisten oder auch der angelsächsischen und spanischen Moderne, durch Autoren wie T. S. Eliot, Rafael Alberti und Juan Ramón Jiménez.

Im vierten, gar nicht unwesentlichen Punkt verweist Çiraku auf den Umstand, dass Camajs Lyrik ausserhalb des albanischsprachigen Raumes entstanden ist. Gleichzeitig war die Veröffentlichung als auch die Rezeption dieser Lyrik in eben diesem Raum verboten. Im kommunistischen Albanien waren seine Werke verboten, weil die Diktatur auch die Literatur politisiert hatte. Pathetik, vaterländisches Gesülze und die Glorifizierung albanischen Heldentums, die der Sozialistische Realismus innehatte, lehnte Camaj beständig ab. Mit Camaj konnte man im kommunistischen Albanien nichts anfangen, denn seine Literatur war individuell und auf subjektive Gefühle ausgerichtet, was der ideologisierten Literatur des Kommunismus völlig fremd war. Erst nach der Wende zu Anfang der 1990er wurde Martin Camaj in seinem Heimatland bekannt. Der Name Camaj hatte dort bald Kultstatus.

Camajs Werk wurde dem fremdsprachigen Publikum durch Übersetzungen zugänglich gemacht. Die Übersetzungen der lyrischen Werke wurden von Martin Camaj selbst betreut und unterstützt. Der italoalbanische Lyriker Francesco Solano war der Übersetzer des Gedichtbandes «Njeriu më vete e me tjerë» («Der Mensch in sich und mit anderen»), der 1985 unter dem Titel «Poesie» in Palermo in italienischer Übersetzung erschien. Camajs Lyrik wurde auch ins Englische von Leonard Fox übersetzt. In «Selected Poetry» wurden 1990 die zwei Gedichtsammlungen «Nema» («Nemesis») und «Buelli» («Der Büffel») als albanisch-englische Ausgabe in New York erstveröffentlicht. Die letzten veröffentlichten Gedichte in «Palimpsest» wurden 1991, ebenfalls von Leonard Fox übersetzt, in New York und München herausgegeben. Im gleichen Jahr erfolgte die erste Veröffentlichung in deutscher Sprache. Der in München herausgegebene Band «Gedichte» wurde von Hans-Joachim Lanksch übersetzt. Darin sind Gedichte aus den Werken «Poesie» und «Njeriu më vete e me tjerë» enthalten. Letzterer wurde erstmals 1978 in München im Selbstverlag des Autors veröffentlicht.

Die in deutscher Sprache übersetzte Ausgabe mit dem Titel «Weissgefiedert wie ein Rabe» («Me pendlat e korbit të bardhë») brachte im Jahr 1999 der Klagenfurter Wieser Verlag in Österreich heraus. Die deutsche Übersetzung der darin enthaltenen Gedichte erfolgte 1982-84 in einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen dem Dichter und dem Übersetzer. Hans-Joachim Lanksch, ein langjähriger Freund und ehemaliger Student Camajs, konnte vom Dichter bestimmte übersetzerische Freiheiten geniessen; doch mussten die Übersetzungen möglichst originalnah, aber auch kreativ sein. Was die Veröffentlichung betrifft, so bestand Camaj darauf, seine Gedichte stets in zweisprachiger Form zu publizieren. Die Übersetzung sollte dem Original gegenübergestellt werden.

 

(Auszug in veränderter Form aus der Bachelorarbeit: «Die Frau in der albanischen Lyrik – Zwischen Wirklichkeit und Imagination. Weiblichkeitsimaginationen in ausgewählten Gedichten von Martin Camaj» von Mirëlinda Shala, eingereicht 2010 an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Österreich.)

Porträt: Martin Camaj: Seine Heimat wird die Schrift