«Mirëdita, Frau Kabashi»: Stolz auf die albanische Klassenlehrerin

Die gebürtige Kosovarin Mera Kabashi ist Klassenlehrerin an der Lindenbüel-Schule in Volketswil/Zürich. Fast die Hälfte ihrer Schülerinnen und Schüler ist albanischsprachig. «dialogplus» hat ihre Klasse besucht.

Foto: Mera Kabashi



Noch vor dem Eintritt in die Klasse kann man an der Aussenseite der Türe das Klassenbild betrachten. 18 aufgeweckte junge Leute lächeln einem entgegen. Mit ihnen um die Wette strahlt die junge 28-jährige Lehrerin Mera Kabashi. Im Klassenraum finden sich Tische in Inselform, an denen Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren sitzen und leise eine Übung durchführen. Man könnte sich fragen, ob sie immer so ruhig sind, oder ob sie sich heute besonders artig zeigen, weil Besuch da ist. Mera Kabashi bemerkt später dazu: «Das ist etwas, was viele beobachten, wenn sie die Klasse besuchen und unseren Unterricht anschauen. In unserer Klasse herrscht eine sehr ruhige und angenehme Arbeitsatmosphäre.»

Blickt man im Klassenraum herum, so fällt auf, dass er mit viel Aufmerksamkeit und Liebe gestaltet ist. Gemütliche Kissen auf den Fensterbänken, ein herzlicher Willkommensgruss zum Schulbeginn auf dem FlipChart-Ständer, ein motivierender Spruch in grossen Buchstaben über der Seitentafel: «Ohne Fleiss, kein Preis», und darunter etwas kleiner: «Wir nehmen unser Leben selbst in die Hand!». Offensichtlich legt Kabashi viel Wert auf Motivation und Selbstbestimmung ihrer Schützlinge. «Mir ist es ein Anliegen, dass die Schülerinnen und Schüler optimal auf das Leben vorbereitet werden. Dazu gehört einerseits der klassische Unterrichtsstoff. Andererseits aber auch Werte und Tugenden wie Respekt, Fleiss, Durchhaltevermögen, Selbständigkeit, Kooperation und Freude am Leben. Ohne diese Werte ist das Leben in einer Gemeinschaft mit Schwierigkeiten verbunden. Deshalb übe und fordere ich diese Tugenden täglich ein.»

Besonders die Sozialkompetenzen liegen Kabashi am Herzen. Um diese einzuüben und unter Beweis zu stellen, hat sie bereits mehrere Aktionen mit ihrer Klasse unternommen. Unter anderem hat es eine Leseaktionen mit Kindergartenkindern und eine Kuchen-Verkaufsaktion gegeben, deren Erlös an das SOS-Kinderdorf in Prishtina gespendet worden ist.

Eigene Schulerfahrungen prägen ihren Lehrstil

Als Mera Kabashi mit neun Jahren gemeinsam mit ihrer Familie von Kosovo nach Norddeutschland ins Nordrhein-Westfalische Porta Westfalica zog, konnte sie kein einziges Wort Deutsch. Die Grundschulzeit war für sie «schrecklich». Als einzige Ausländerin in der Klasse fühlte sie sich fremd und konnte keinen Bezug zur Schule und zum Lernen aufbauen. Den Übergang in die Hauptschule sah sie dagegen als Neustart. Die motivierende Stärkung der neuen Klassenlehrerin gab ihr den nötigen Anstoss, um sich für das Lernen mehr zu interessieren und einzusetzen. So schaffte sie den Wechsel in die Gymnasiale Oberstufe, wo sie auch das Abitur machte.

Diese Erfahrungen prägten Kabashis Schul- und Berufslaufbahn. Sie erfuhr, wie wichtig die motivierende Unterstützung einer Lehrerin sein kann. «Im Studium habe ich mich bewusst für das Lehramt mit dem Schwerpunkt „Sekundarstufe I“ entschieden.» Nach dem Lehramtstudium in den Fächern Deutsch, Politik und Philosophie/Ethik (entspricht Religion und Kultur in der Schweiz) in Freiburg im Breisgau (Deutschland) absolvierte sie das Referendariat in Rottweil und zog dann im Sommer 2013 in die Schweiz.

Kabashi erinnert sich an ihren ersten Tag an der Schule Lindenbüel: «Ich war unheimlich aufgeregt, denn es war ein Neustart in einem fremden Land mit einer eigenen Klasse. Im Vorhinein hatte ich erfahren, dass ich viele albanischsprachige Schülerinnen und Schüler haben werde. Und besonders diese, so erfuhr ich es im Nachhinein, waren gespannt auf mich, da sie meinen albanischen Namen gelesen hatten. Die Beziehung zu meinen Schülerinnen und Schülern fusste vom ersten Tag an auf Sympathie, Vertrauen und Zuneigung. Ich sage ganz offen, dass ich meine Schüler sehr gerne habe und mich immer für sie einsetze.»

Stolz auf albanische Lehrerin

Neun von 18 Schülerinnen und Schülern aus Kabashis Klasse sind Jugendliche mit albanischem Migrationshintergrund, aus Kosovo oder Mazedonien. Sie sind besonders stolz auf ihre Lehrerin. Das spürt man in der Klasse. «Viele Schüler haben anfangs ganz stolz im Schulhaus herumerzählt, dass ihre Lehrerin eine Albanerin ist. Dann haben mich einige auf Albanisch gegrüsst: Mirëdita, Frau Kabashi. Sie wollten unbedingt das Albanische aus mir herauskitzeln.»

Viele ihrer Schülerinnen und Schüler haben nicht nur albanischen, sondern auch portugiesischen, italienischen und türkischen Migrationshintergrund. Aufgrund ihrer eigenen Migrationserfahrung betrachtet Mera Kabashi die kulturelle Vielfalt in ihrer Klasse als Selbstverständlichkeit und vor allem als Bereicherung.

Als «hilfsbereit, herzlich, pünktlich, engagiert, nett und loyal» wird die junge Lehrerin von ihren Schützlingen beschrieben. «Frau Kabashi ist anders als die anderen Lehrer. Wir haben uns mit ihrer Unterstützung deutlich verbessert. Sie kämpft für jeden einzelnen Schüler. Sie ist mitfühlend und tut viel für uns, das tut uns gut», erzählt Schülerin Teuta begeistert. So versteht man auch, warum Mera Kabashi im Lehrerzimmer auch liebevoll als «die Mutter» bezeichnet wird.

Kompliment und Appell an die Eltern

Während die Lehrerin darauf achtet, dass sie mit allen Schüler/innen ausschliesslich auf Deutsch kommuniziert, um ihre Sprachkompetenzen zu fördern, nutzt sie ihre eigene Zweisprachigkeit, um mit den albanischsprachigen Eltern in ihrer Muttersprache zu sprechen. «Das hat den Vorteil, dass ich sofort zu Hause anrufen kann, wenn es Schwierigkeiten gibt. Ebenfalls ermöglicht es den Eltern, sich, trotz der vorhandenen Sprachbarrieren, in den Schulalltag ihres Kindes zu engagieren und sich kontinuierlich zu informieren.»

Die Beziehung zu den Eltern ihrer Schülerinnen und Schüler hebt Kabashi besonders positiv hervor. «Denn es sind besonders motivierte Eltern, die schauen, dass es in der Schule gut läuft. Unsere Zusammenarbeit funktioniert ausnahmslos vorbildlich.» Für die Eltern-Kind-Beziehung wünscht sich die Lehrerin, dass sich die Eltern weniger unter Druck setzen. Deshalb richtet sie ein Appell an sie – und vor allem an die eigenen Landsleute: «Es ist nicht notwendig, dem Druck zu unterliegen, Kindern immer das neuste Smartphone, die teuersten Schuhe und so weiter kaufen zu müssen. Das sind materielle Werte, die die Jugendlichen nicht zwingend brauchen. Vielmehr sind sie drauf angewiesen, dass die Eltern Zeit mit ihnen verbringen und sich für ihr Leben interessieren und daran teilhaben. Das bedeutet auch, dass man eine gute und enge Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern pflegt.»

Unterstützung bei der Berufswahl

In einer Phase, in der die Jugendlichen viel Aufmerksamkeit und Orientierung benötigen, investiert Mera Kabashi viel Energie und Zeit, um sie bestmöglich auf die Zukunft vorzubereiten. Dass gerade die Lehrstellensuche und -findung besonders im Vordergrund steht, sieht man an der Seitentafel. Dort ist ein grosses Plakat angebracht, das «fünf Schritte zur Berufsfindung» aufzeigt. Ein zweites stellt das Schweizer Bildungssystem übersichtlich dar. «Es ist mir wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler wissen, welche Möglichkeiten ihnen offen stehen. An den Plakaten sieht man, dass sie nach der Lehrausbildung dennoch die Chance haben, mit einer Berufsmaturität in ein Hochschulstudium einzusteigen, wenn sie es wollen.»

Für das konkrete Herangehen bei der Lehrstellensuche hat Kabashi unterschiedliche Online-Portale in der Klasse aufgezeigt. Sie hat auch ein Schwarzes Brett erstellt, wo offene Lehrstellen ausgedruckt angebracht werden. Zur Vorbereitung auf das Schreiben von Bewerbungen hat sie Beispielbewerbungen im Unterricht analysiert. Für das Schreiben der Bewerbungen hat sie auch nach Schulschluss Zeitfenster angeboten, in denen sich die Schülerinnen und Schüler Hilfe holen konnten. «Ich setze mich mit dem Berufswunsch der einzelnen Schülerinnen und Schüler auseinander und nehme mir für jede/n einzelne/n Zeit», erläutert Kabashi. Schüler Egzon kann das bestätigten: «An Frau Kabashi gefällt mir, dass sie jeden Schüler gleich behandelt.» Vier von ihnen haben bereits einen Lehrvertrag unterschrieben.

Dass sie eine Vorbildfunktion als Lehrerin erfüllt, ist Mera Kabashi sehr bewusst. Ihre Erfahrungen und Erfolge auf dem eigenen Karriereweg möchte sie einsetzen, um anderen vielfältige Bildungswege aufzeigen zu können und gute Bildungschancen zu ermöglichen. Eine ihrer Schülerinnen hat sich sogar entschieden, den Karriereweg ihrer Lehrerin zu gehen.