«Jene, die im Namen Gottes zu Feindlichkeit aufrufen, sind entweder verrückt oder auf Drogen»

Der kosovarische Theologe Xhabir Hamiti findet, dass die muslimischen Flüchtlinge, die nach Europa kommen, die staatliche Ordnung ohne Wenn und Aber respektieren sollten. Auch der Handschlag als Begrüssung fällt unter diese Kategorie. Der Islam-Experte appelliert an Albaner, die in Westeuropa leben, sich keiner radikalen religiösen Gruppierung anzuschliessen.

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In der Schweiz machte kürzlich vor allem ein Ereignis grosse Schlagzeilen: Zwei syrische Schüler verweigern ihren Lehrerinnen den Handschlag. Sie beteuern, dass der Islam ihnen jeglichen physischen Kontakt zwischen Männern und Frauen verbietet, wenn sie nicht verheiratet oder verwandt sind. Fällt solches Verhalten schon unter Propaganda oder ist es eine Regel der islamischen Religion?

Die Syrier, oder allgemein Völker aus dem Osten, haben Traditionen und Rituale, die sich grundsätzlich von der westlichen europäischen Gesellschaft abheben. Viele ihrer Rituale resultieren aus der Gesellschaft, den Lebensumständen und deren Fanatismus, welche absolut nichts mit den Normen des Islams zu tun haben. Dass man dem anderen Geschlecht die Hand nicht schüttelt, ausserhalb des engen Familienkreises, wird von vielen Völkern als traditionell betrachtet. Man kann dies jedoch nicht als religiöse Norm annehmen. Im islamischen Glauben werden Taten nach ihren Absichten gewertet. Solange man bei einem Handschlag keine provozierenden oder störenden Absichten hat, darf man den Handschlag nicht verweigern.

Eine Schweizer Zeitung hat die zwei Schüler interviewt. Anwesend war auch die stellvertretende Leiterin des Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS), einer Organisation, die unter der Beobachtung des Schweizerischen Geheimdienstes steht. Denken Sie, dass diese Affäre absichtlich konstruiert wurde, um eine fanatische Debatte auszulösen?

Die Europäer müssen verstehen und sich mit den Traditionen eines Volkes, das in einem nicht-europäischen Ambiente geboren und aufgewachsen ist, auseinandersetzen. Ebenso müssen sie verstehen, dass spezifische Rituale und Traditionen eines Volkes nicht immer mit einer Religion im Zusammenhang stehen. Jede und jeder, der nach Europa emigriert, muss verstehen, dass er sich sein neues Umfeld nicht so zusammenstellen kann, wie er oder sie es vom Heimatland her kennt. Stattdessen sollten Flüchtlinge das Land schätzen und respektieren, denn dieses bietet ihnen physische Sicherheit, aber auch soziale und wirtschaftliche Sicherheit.

Im Islamischen Zentralrat der Schweiz sind auch mehrere Albaner aktiv, hauptsächlich als Propagandisten. Was ist Ihre Botschaft als Theologe an solche Militanten?

Die Albaner hatten schon immer eine kulturelle Distanz zu den muslimischen Völkern ausserhalb Europas. Der einzige gemeinsame Nenner ist die muslimische Religion, aber nicht die Einstellung zum Leben oder eben zur Religion. Wir Albaner sollten uns in keinem Fall extremen und radikalen Gruppierungen anschliessen und auf keinen Fall sollten wir ein Teil einer Ideologie sein, die von der Menschheit und der Religion abweicht.

Sie haben sich schon oft in der Diaspora aufgehalten, haben an Konferenzen teilgenommen, und in wichtigen Foren referiert. Wie sollte sich, Ihrer Meinung nach, die albanische Community in der Schweiz gegenüber solchen Verlockungen seitens radikal-religiösen Gruppierungen verhalten?

Alle Albaner in Westeuropa und auf dem Balkan sollten sich keineswegs radikalen und religiösen Gruppierungen, die im Namen der Religion zu Gewalt aufrufen, anschliessen. Jene, die im Namen Gottes zu Gewalt und Krieg aufrufen, sind entweder verrückt oder auf Drogen. Vielleicht sind sie auch Teil einer grösseren Agenda, eines grösseren Vorhabens. In jedem Fall würde sich ein rational denkender Gläubiger, egal woher er stammt, auf solch eine Verlockung nicht einlassen.

Die meisten muslimischen Gläubigen in der Schweiz kommen aus dem Balkan. Doch im Namen der Muslime sprechen vor allem Personen aus dem arabischen Raum. Müssen sich die Balkanmuslime von solchen Vertretern des Islam distanzieren?

Absolut! Die Albaner als Muslime haben historisch gesehen eine andere kulturelle und religiöse Erziehung erhalten, im Unterschied zu den arabischen Völkern. Wir sind in einem multikulturellen und multireligiösen Umfeld aufgewachsen. Daher wird der europäische Kontinent nicht als anders oder fremd empfunden. Die muslimischen Albaner sind autochthone Bewohner des Balkans und Europas, daher tragen sie auch mehr Verantwortung. Daher sollten sie es nicht erlauben, dass ihnen jemand dazwischenfunkt.

Die Moschee, in der die zwei obengenannten Schüler den Koranunterricht besuchen, wird offenbar von einer dem saudischen Königshaus nahstehenden Stiftung unterstützt. Wird hier nicht die Religion Missbraucht für die politischen Interessen von Saudi-Arabien?

Die Würdenträger in Saudi-Arabien haben sich in ihren Stellungnahmen oft geirrt, weil sie sich die abweichenden sozialen und kulturellen Zustände in Europa nicht vor Augen haben. Die Lebensentwürfe der arabischen Muslime mögen auf ihren Raum passen, doch nicht ausserhalb des arabischen Raumes. Genau aus diesem Grund müssen wir wachsam sein und genau unterscheiden zwischen kultureller Tradition und religiöser Tradition.

Viele der aggressiven Propagandisten des Islams beteuern, dass sie in der Schweiz diskriminiert werden.

Im Gegenteil. Die Schweiz und viele andere Länder Europas geben dem Islam viel mehr Raum und Freiheit, als dies in den restlichen muslimischen Ländern der Fall ist. Diese Tatsache ist unbestreitbar. Schauen Sie doch nur mal, wie wenig Freiheit den anderen Religionen in den muslimischen Ländern gegeben wird. Es ist erbärmlich.

Das Schweizer Justizministerium betont, dass der Händedruck Teil der Kultur des Landes ist. Dies gilt auch für die albanischen Gebiete. Jedoch tauchten in den letzten Jahren vereinzelte Fälle auf, in denen die Frauen sich weigern, die Männer durch einen Handschlag zu begrüssen.

In den vergangenen Jahren hat sich auch in den albanischen Gebieten eine Literatur verbreitet, die nicht im Einklang mit der Religion steht. In einigen Teilen der Gesellschaft hat dies nicht nur zu einer veränderten Wahrnehmung des Islams geführt, sondern hat auch das tägliche Zusammenleben beeinflusst. Das Reichen oder Nichtreichen der Hand des anderen Geschlechts ist kein zentraler Punkt im Islam, sondern schlicht eine Überzeugung aufgrund der Kultur oder Tradition. In der albanischen Gesellschaft wurde die Handreichung zur Begrüssung nie als Hindernis wahrgenommen.

Eine Studie von «Arab Youth Survey» ergab, dass mehr als 80 Prozent der befragten Jugendlichen gegen den Islamischen Staat sind. Mehr als die Hälfte der Befragten aus 16 arabischen Ländern haben angegeben, dass die Religion eine zu grosse gesellschaftliche Rolle spielt. Wie werten Sie diese Resultate aus?

Wie jede Religion nimmt auch der Islam Einfluss auf die Persönlichkeit und die Identität eines Individuums. Aus diesem Grund sollten religiöse Lehrer auch sehr vorsichtig sein mit ihren Interpretationen des Islams. Anstatt Hass und Gewalt im Namen Gottes zu verbreiten, sollten sie bedingungslose Liebe und bedingungslosen Respekt für alle Menschen lehren. Wir können von Glück sprechen, dass so viele Jugendliche aus dem arabischen Raum die terroristischen Ansichten des Islamischen Staates, die im Irak und in Syrien ausgelebt werden, nicht unterstützt.