«In eigenen Worten»

Shpresa Jashari hat als Mitorganisatorin im Rahmen des Auftaktkongresses von «Wir alle sind Zürich» am 7. Februar eine Rede gehalten mit dem Titel «In eigenen Worten». Darin schlägt sie den Bogen von den eigenen Kindheitserinnerungen, individuellen und kollektiven Märchen, der «Schweizer Normalität» bis zur migrantischen Alltagsrealität und Handlungsmacht. Die Rede im Wortlaut wurde «dialogplus» zur Verfügung gestellt.

Shpresa Jashari, Foto: Ariana Dragusha



Liebe Zürcherinnen, liebe Zürcher, liebe Alle, die ihr hier seid

Im Laufe des letzten Jahres wurden im Land immer wieder Stimmen laut, die von der Vergangenheit schwärmten. Sie zitierten aus alten Geschichten, aus Mythen eidgenössischer Heldenschlachten, und waren dabei auf der Suche nach etwas Verlorengeglaubtem oder zumindest doch Bedrohtem: Nach Identität, Klarheit, Kraft. Denn früher, da war alles besser, selbst wenn das Leben und die Arbeit freilich härter waren. Von dieser heilen Welt der hart Arbeitenden, ehrlichen und einfachen Schweizerinnen und Schweizer zeugen etwa die Gemälde von Albert Anker aus dem 19. Jahrhundert.

Albert Anker, «Sonntag Nachmittag», 1861
Albert Anker, «Sonntag Nachmittag», 1861

Diese Bilder hat einer der Leitnostalgiker unserer Zeit, Christoph Blocher, sorgsam zusammengekauft und neulich einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Viele Bürgerinnen und Bürger haben sich dafür interessiert, manche sind gar stundenlang draussen angestanden, in der Kälte, hungernd, um die blondgelockten Kinder barfuss auf dem Feldweg zu sehen, den Bauern bei der Ackerarbeit und die ganze Familie samt Grossvater, müde aber zufrieden, versammelt in der sonntäglichen Stube.

Wenn so viele Leute fasziniert sind von dieser Vergangenheit, dachte ich mir, wenn so viele darin wiederfinden, was sie verloren hatten, dann kann es nicht schaden, wenn auch ich mich dort Mal auf die Suche mache. Weil, da will ich Euch nichts vormachen, nicht nur Herrn Blocher, auch mir fehlen heute oft Klarheit und Kraft und auch der unverstellte Blick auf die eigene Identität. Denn selbst wenn es, seit ich zurückdenken kann, nicht an Namen für Herkunftsoriginelle wie mich gefehlt hat, so fühlen sich doch weder «der Ausländer», noch «die Seconda» noch das einfühlsamere «Mensch mit Migrationshintergrund» wesentlich besser an, als das «Jugo», welches früher all jenen von uns auf dem Pausenplatz hinterherhallte, deren Eltern von irgendwo östlich Wiens in die Schweiz gekommen waren.

Also wagte auch ich einen kurzen Blick in die Vergangenheit, und besuchte letzten Sonntag meine Eltern. Ich blätterte in Fotoalben, durchstöberte den Estrich – und wurde fündig. Ich stiess auf eine Kiste mit alten Aufsatzheften aus der Primarschulzeit – offenbar hatte meine Mutter es nicht übers Herz gebracht diese wegzuwerfen. Und ich kann bloss sagen: Zum Glück! Denn die Geschichten, die sich darin finden, sind in der Tat historische Dokumente von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Zukunft der Schweiz, wie ich im Folgenden zeigen werde.

Ich habe Euch eine solche Geschichte mitgebracht. Sie stammt aus einem Schultagebuch aus der 2. Klasse, mit dessen Hilfe wir lernen sollten, in Worte zu fassen, was wir in unserem Alltag erlebten. Die Lehrerin pochte immer wieder darauf: «Vergesst nicht, erzählt in euren eigenen Worten!» Was sie damit wohl meinte? War es denn möglich, in den Worten von jemand anderem zu sprechen?

Doch hier also die angekündigte Kostprobe, ein Tagebucheintrag aus dem Mai 1990. Da heisst es in kringeliger Schrift: «Am Sonntag gingen wir mit der ganzen Familie in den Wald. Wir marschierten auf einen Berg. Und als wir da waren, suchten wir zuerst einmal Holz. Als es 12 Uhr war, brätelten wir Cervelats. Danach wanderten wir wieder nach Hause, wo wir alle ein Eis bekamen.»

Cervelats also, hm? Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine Familie in der Schweiz am Sonntag, den 20. Mai 1990 um 12:00 Uhr Schweinswürste über eine Feuerstelle hielt – aber ob das die Jasharis waren?

Der Verdacht, dass ich an diesem Tag nicht gelernt habe, Geschichten zu schreiben, sondern Märchen zu erzählen, liegt nahe. Und er bestätigt sich, wenn ich unter dem Titel «Weihnachten bei uns zu Hause» weitelese. Da bringe ich, Tochter muslimischer Eltern, das volle Weihnachtsprogramm: Geschmückter Baum, Berge von Geschenken und das Jesuskindlein, friedlich schlummernd in seiner Krippe!

Die Note darunter lässt sich sehen: 5,5. Offenbar hatte die Lehrerin keinerlei Verdacht geschöpft, dass ich ihr die Hucke voll log. Doch warum tat ich das?

Nun, zumindest beim Weihnachtsthema passte die Aufgabe der Lehrerin schlicht nicht auf mein Leben. Also passte ich mein Leben der Aufgabe an. Ich wusste ja, aus dem Fernsehen und von Erzählungen anderer Kinder, wie Weihnachten geht, was da so ungefähr vorkommen sollte. Und schrieb daraus fleissig das Märchen vom normalen Weihnachtsfest, das vom normalen Familiensonntag usw.

Doch wo bleiben nun die Sonn- und Feiertage, die ich damals tatsächlich erlebte? Waren die abnormal? War es falsch, am Sonntag etwas anderes zu tun als Würste zu braten? Und warum hatte ich damals das Gefühl, eine Lüge passe besser ins Schulheft als meine Erlebnisse?

Wie dem auch sei, damals stellte ich diese Märchen von der Schweizer Normalität klar über die Geschichten meiner Alltagsrealität.

Aber wie sah diese Realität denn nun aus? Ein Blick ins Fotoalbum erinnert daran:

«Mittagspause mit kriminellen Ausländern» ;-), 1987, Foto: Privatarchiv Shpresa Jashari
«Mittagspause mit kriminellen Ausländern» ;-), 1987, Foto: Privatarchiv Shpresa Jashari

Meine Eltern, die in der Regel 6 Tage die Woche schufteten und die wir wochentags kurz über Mittag und am Abend sahen, waren dann an den Sonntagen meist zu erschöpft, um mit uns raus zu gehen in die Natur. Auch waren Sonntage dazu da, die Wäsche und etwas Gartenarbeit zu erledigen; oder Gäste zu empfangen aus allen Ecken der Schweiz. Am zufriedensten jedoch waren die Eltern, wenn sie sonntags mal mit uns und der Grossmutter im Wohnzimmer beisammen sein konnten. Und so ging das weiter, über dreissig Jahre lang, bis der Rücken und bis die Knie kaputt waren. Bis heute.

Und bis heute, wird mir nun klar, ist diese Geschichte in der Schweiz nicht gehört worden. Kein Wunder, sie ist ja auch nicht gerade spektakulär, geschweige denn medientauglich. Und wie sollte so etwas auch gehört werden, wenn selbst ich, die ich das erlebt hatte, nicht davon erzählen mochte. Ich hatte sie, trotz guter Note, nicht gelernt, diese Lektion über die eigenen Worte. Also kommen diese Worte in der Schweiz bis heute kaum vor. Und das könnte uns nun vielleicht zum Verhängnis werden.

Denn was wir heute stattdessen hören, ist nur diese eine Geschichte der Anderen, das Märchen vom bösen Ausländer. Es geht so: Der Ausländer, das ist ein fauler und verlogener Nichtsnutz, der dem Staat auf der Tasche liegt. Doch er nimmt, wie nur Märchengestalten allein das können, zugleich den «richtigen» Schweizern den Arbeitsplatz weg. Der Ausländer, das ist ein Mann, in der Regel ein fanatischer Muslim. Und er setzt, wenn er nicht gerade blonde Frauen belästigt, zusammen mit seiner unterdrückten Frau viele kriminelle Kinder in die Welt, die auf dem Pausenplatz Krawall machen – will heissen, nicht Deutsch sprechen wollen.

Es ist dieses Märchen, das heute alle Macht über uns zu haben scheint; es hat sich in den Köpfen und Herzen vieler Stimmberechtigter festgeschrieben, und also auch im Gesetz. Und es geht noch weiter, denn wie das so ist beim Lieblingsmärchen, will Fritzchen es immer und immer wieder von neuem hören. Nachdem Minarette heraufbeschworen und verboten wurden, die kriminellen Ausländer in die Ausschaffungspipeline geschickt und die Massen vor den Toren Helvetiens nur knapp vor der Einwanderung gestoppt wurden, wollen sie uns nun endgültig den Rest geben, oder vielmehr ein neues Kapitel aufschlagen mit der sogenannten «Durchsetzungsinitiative». Was sich damit endlich durchsetzt, ist die Sicherheit, dass Leute wie ich hier nur so lange erwünscht sind, wie sie für die lokale «Herrenklasse» verwertbar bleiben.

Während unsere gastarbeitenden Eltern herzlich willkommen waren, die Kraft ihrer Körper in den Bau von Tunnels und Häusern, in die Pflege von Alten und Kranken, in die Reinigung von Toiletten und Strassen zu investieren, dienen unter anderem ihre Kinder heute dazu, den Schweizer Rechtspopulisten Sitze in Parlament und Regierung zu sichern. Schliesslich versprechen die, den bösen Wolf, oder eben das schwarze Schaf, dahin wegzuschicken, woher es (angeblich) gekommen ist.

Das Praktische daran: Statt sich mit seinen sozialen Problemen auseinanderzusetzen, kann das Land die Ursachen für Bildungsmangel, Marginalisierung, Perspektivlosigkeit und Kriminalität in der eigenen Arbeiterklasse in fernen Ländern suchen. Und darauf beharre ich: Die, die sie «Ausländer» nennen, sind zum ganz wesentlichen Teil ihre Arbeiterklasse! Damit das nicht vergessen geht, habe ich heute ein neues Bild mitgebracht für die Sammlung von Christoph Blocher. Es ist wahrscheinlich etwas ungewohnt für ihn, sollte ihm eigentlich aber bekannt vorkommen. Denn wenn Albert Anker noch leben würde, meine ich, wären es Menschen wie diese, die er heute malen würde: Die hart arbeitenden Schweizer des 21. Jahrhunderts.

Ich hoffe von Herzen und setze mich dafür ein, dass dieser nächste Schlag gegen uns alle ausbleibt und diese Initiative abgelehnt wird. Doch nach den vielen harten Schlägen, die bereits erfolgt sind im Laufe der letzten Jahre, muss ich sagen: Ich zittere nicht mehr davor, wie der stimmberechtigte Teil der Schweiz diesmal über uns, die wir nicht mitbestimmen dürfen, richten wird. Werden sie unseren Wert diesmal anerkennen? Vielleicht, wenn nicht unseretwegen, so doch um «ihres» Rechtsstaats Willen?

Nein, diesmal, statt mich diesen alten Hoffnungen auf Anerkennung durch die angebliche «Mehrheitsgesellschaft» auszuliefern und atemlos auf die nächste Regung des nervösen «Volkskörpers» zu warten, habe ich Lust, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Und anfangen will ich hier, wo ich lebe, in meiner Stadt Zürich.

Ich habe das grosse Glück in Euch allen endlich Weggefährtinnen und -gefährten gefunden zu haben, die dasselbe auch wollen – dasselbe in vielen Facetten.

All Eure Geschichten, gerade die leisen und die schwer in Schlagzeilen zu verpackenden, sind von grösster Bedeutung für die Zukunft dieser Stadt – und dieses Landes. Fordern wir die Rechte ein, die uns zustehen und erheben wir unsere Stimmen gemeinsam gegen die dominanten Märchen unserer Zeit. Ob wir von den Lehrern und Lehrerinnen der Nation dafür eine gute Note bekommen, sei uns dabei egal.

Zur Person

Shpresa Jashari ist Sprachwissenschaftlerin und Doktorandin am Laboratoire des études transnationales der Universität Neuchâtel. Gemeinsam mit Rohit Jain, Geesa Tuch und Katharina Morawek gründete sie im Sommer 2015 den «Verein zur Förderung rassismuskritischer Öffentlichkeiten». Mit ihren Aktivitäten wollen sie die Gesellschaft für das Thema Rassismus sensibilisieren und Rassismuskritik üben. Das rassismuskritische Humorfestival «Laugh up. Stand up.» war die erste Veranstaltung, die dazu vom 13. bis 15. November 2015 abgehalten wurde.

Das Interview mit Shpresa Jashari im Rahmen des rassismuskritischen Humorfestivals gibt es hier.