Elvane Stojkaj-Mahmutaj: Von Pejë an die ETH Zürich

Die Elektrotechnikerin Elvane Stojkaj-Mahmutaj zieht als Jugendliche in die Schweiz. Sie kämpft sich durch Zulassungsprüfungen, Basisprüfungen und Sprachprüfungen. Nach einer kompletten Entwurzelung ähneln all diese Prüfungen einer Prüfung für das Leben. Heute ist Stojkaj-Mahmutaj Hochstromsystemspezialistin bei der «ABB» (Asea Brown Boveri).

Elvane Stojkaj-Mahmutaj Foto: zVg



Elvane Stojkaj-Mahmutaj wurde 1974 im kosovarischen Dorf Lybeniq, in der Nähe von Pejë, geboren. In einfachen Verhältnissen aufgewachsen, schloss Stojkaj-Mahmutaj erfolgreich ihre Primarschule und Oberstufe ab. Die junge Frau zog es in die grosse Stadt Pristina. Dort meldete sich Stojkaj-Mahmutaj 1993 an der Universität Pristina für die Studienrichtung Elektrotechnik an. «Ich besuchte die Vorlesungen drei Monate lang. Wegen des serbischen Regimes wurden die Universitäten zu der Zeit geschlossen, da man freie Bildung unterbinden wollte. Wir lernten dann illegal in verschiedenen privaten Häusern, die in Pristina angesiedelt waren», stellt Stojkaj-Mahmutaj die schweren Bedingungen der damaligen Studenten dar. Während Elvane Stojkaj-Mahmutaj in unstabilen Verhältnissen ihr Studium startete, lebte ihre gesamte Familie bereits in der Schweiz: «Als in den 1990er-Jahren meine Mutter mit den Geschwistern zu meinem Vater in die Schweiz zog, hatte ich Studienpläne in Pristina. Das akzeptierten meine Eltern zunächst und liessen mich bei meinen Grosseltern zurück.» Als 1994 die politische Situation in Kosovo zu eskalieren drohte, beschloss Stojkaj-Mahmutajs Vater, dass auch sein letztes Kind in die Schweiz nachziehen sollte. Als 19-Jährige rückte Elvane Stojkaj-Mahmutaj im Januar 1994 trotz Widerwillen im Familiennachzug in die Schweiz.

Neuorientierung und Sehnsucht

Kaum hatte sie einen Fuss in die Schweiz gesetzt, begann Stojkaj-Mahmutaj sich sofort für die Weiterführung ihrer Ausbildung zu interessieren. «Ich wollte wissen, was die Bedingungen waren. Zuerst musste ich aber die Sprache lernen. Und Deutsch ist nun wirklich nicht die einfachste Sprache», gesteht Stojkaj-Mahmutaj. Innert kurzer Zeit wurde Stojkaj-Mahmutaj nochmals ein Stein in den Weg gelegt: Ihr kosovarisches Maturadiplom wurde in der Schweiz nicht anerkannt. «Entweder musste ich eine zusätzliche Zulassungsprüfung bestehen oder die ganze Matura nachholen», schildert Stojkaj-Mahmutaj. In Momenten wie diesen sehnte sich Stojkaj-Mahmutaj stark nach ihrem Heimatland und malte sich ihr Leben dort aus.

Nach einem Jahr schliesslich zerbröckelte ihr Traum einer Rückkehr in ihre geliebte Heimat. Es war eine der härtesten Zeiten ihres Lebens. Die Entwurzelung war in vieler Hinsicht ein zu grosser und rascher Schritt. Eine weitere Enttäuschung begegnete ihr während des Anmeldungsprozesses für die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich (ETH): «Ich wurde auch noch demotiviert, mich überhaupt für die Aufnahmeprüfung zu bewerben», erzählt Stojkaj-Mahmutaj. Selbstsicher genug, meldete sich die junge Frau dennoch entschlossen für die Prüfung an. Stojkaj-Mahmutaj wusste die Chance zu nutzen. Sie vertiefte sich in ihre Bücher, lernte viele intensive Stunden und liess sich nicht von ihrem Weg abbringen. All die Mühe und Investition zahlten sich aus: Sie bestand die Aufnahmeprüfung für die ETH mit Bravur und konnte somit ihr Studium in Elektrotechnik wiederaufnehmen. «Rückblickend ist der Moment, als ich erfuhr, dass ich zugelassen war, viel schöner als sogar mein Masterabschluss», blickt Stojkaj-Mahmutaj in die Vergangenheit. Dieser Gedanke ermutigte sie zusätzlich auf ihrem Aufstieg. Die Familie stand ihr während der Studienzeit als wichtigste Stütze zur Seite.

Studienzeit: Rivalität und Freundschaft

Sie beschreibt ihre Studienzeit als eine äusserst intensive Zeit. Die Konkurrenz sowie der Leistungsdruck an der ETH waren hoch. Während in Kosovo endgültig der Krieg ausgebrochen war, büffelte die angehende Elektrotechnikerin weiter über ihren Büchern. Sie erzählt von den hohen Durchfallquoten, dem niedrigen Frauenanteil und den fordernden Basisprüfungen jeweils am Ende des Jahres. «Etwa zehn Prozent der Studierenden waren weiblich. Je näher ich an den Bachelorabschluss kam, desto weniger Frauen begegnete ich in den Vorlesungen», beschreibt Stojkaj-Mahmutaj die niedrige Frauenquote an der ETH. Was der Elektrotechnikerin zusätzlich das Studium erschwerte, war die Verschlossenheit ihrer Mitstudierenden: «Viele Studenten an der ETH arbeiteten nur für sich. Es war schwer für mich, einen sozialen Zugang zu finden.»  So war sie vor allem mit nicht-schweizerischen Studierenden viel besser verbunden, da, so  empfindet es Stojkaj-Mahmutaj, eine offenere Art mitbringen. Und so lernte sie auch albanische Studierende kennen. Damals war die Anzahl der albanischen Studierenden zwar noch nicht so hoch, aber diese standen sich sehr nahe. So kamen sie eines Tages auf die Idee, einen Verein für albanische Studierende zu gründen.  Der Verein wurde am 27. November 2000 gegründet, Elvane Stojkaj-Mahmutaj war Mitglied des ersten Vorstandes. Ihre wenige Freizeit verbrachte Stojkaj-Mahmutaj nun mit ihren neugewonnenen Freunden. «Die Gruppe bestand nicht nur aus Studenten, die vor kurzem eingewandert waren. Es gab auch albanische Studenten, die in der Schweiz aufgewachsen waren, und trotzdem noch den Wunsch hatten, den Kontakt zu ihren Landsleuten aufrecht zu erhalten», berichtet Stojkaj-Mahmutaj so lebendig, als wäre es gestern gewesen.

Berufliches und privates Glück

In 2007 erhielt sie ihren Masterabschluss in Elektrotechnik und Informationstechnologie an der ETH Zürich. Kurz davor heiratete Stojkaj-Mahmutaj den Mann ihres Lebens. Etwa zur gleichen Zeit nahm sie schon eine Arbeitsstelle in einem Datenkontrollcenter an, um das Studium selbst zu finanzieren. Dieser Faktor verlängerte zwar ihr Masterstudium, doch konnte sie während dieser Zeit wertvolle Erfahrungen sammeln. Ihre erste Stelle nach dem Abschluss konnte sie als Software-Entwicklerin in einem Ingenieurbüro (HELVETING) in Baden für sich gewinnen. Ihr Weg führte sie später als Senior Development Engineer in die «Alstom», dem Schweizer Industrieunternehmen, welches auf Kraftwerktechnik, Energieverteilung und Energieübertragung sowie Schienentransport spezialisiert ist. Ihre Tätigkeit dort umfasste vor allem die Analyse der Teilentladungsdaten vom Generator. Der Beruf ermöglichte es ihr, Kraftwerke in verschiedenen Ländern zu besuchen. Doch nicht nur beruflich veränderte sich einiges bei Stojkaj-Mahmutaj, auch privat durfte sie ihr grosses Glück rundum geniessen. Kurz bevor sie «Alstom» Ende 2012 verliess, hatte die Elektrotechnik-Ingenieurin ihr zweites Kind zur Welt gebracht. Als zweifache Mutter wurde das tägliche Pendeln zwischen Bassersdorf und Baden zur Last. Um mehr Qualitätszeit für ihre Familie einsparen zu können, entschied sie sich, einen näheren Arbeitsplatz zu suchen.

Wohlfühloase «ABB»

Einen näheren Arbeitsort konnte sich die Elektrotechnik-Ingenieurin bei der «ABB» (Abk. für Asea Brown Boveri) in Oerlikon, dem marktführenden Energie- und Automatisierungstechnikkonzern, sichern. Dort ist sie seit Anfang 2013 im Bereich Generatorschalter als Hochstromsystemspezialistin tätig. Sie ist für die Messtechnik und das Monitoring System, welches den Generatorschalter überwacht, zuständig. Gleichzeitig unterrichtet sie in englischer Sprache die internen technischen Schulungen. Ein Grossteil ihres Berufsalltags bilden jedoch das Zusammenarbeiten an Forschungs- und Entwicklungsprojekten. «Speziell gefällt mir an meinem Beruf jedoch das Unterrichten und Unterstützen von ABB-Ingenieuren weltweit. Ich schätze es, dass ich bei der «ABB» mit Menschen aus aller Welt zusammenarbeiten kann. Ausserdem bewundere ich, dass die «ABB» als Unternehmen Frauen unterstützt, den Beruf und die Familie unter einen Hut zu bringen», berichtet Stojkaj-Mahmutaj begeistert. Unter all den verschiedenen Nationalitäten findet Stojkaj-Mahmutaj auch andere albanischstämmige Ingenieure, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die bei der «ABB» wichtige Positionen innehaben und hervorragende Leistungen erbringen. So wird die Hochstromsystemspezialistin jeden Morgen von der Rezeptionistin mit einem herzlichen «Mirëmengjesi!» (dt. «Guten Morgen!») begrüsst. Für Elvane Stojkaj-Mahmutaj ist dies einer von vielen Gründen, um bei der «ABB» zu bleiben.