Die Weltmärkte und deren Bewegungen

Die Swiss Albanian Finance Association (SAFA) bietet in den nächsten Tagen kurze Analysen über die aktuellen Bewegungen in den Weltmärkten an und versucht, dies in einfachen Beispielen zu erklären.

Foto: Sergey Nivens/Shutterstock



Wie in den letzten Wochen sichtbar wurde, gerieten die Aktienmärkte weltweit in eine Abwärtsspirale, zugleich kam auch die Weltwährung USD unter grossem Druck. Wir werden in mehreren kurzen Abhandlungen versuchen, die wichtigsten Faktoren – Erdölpreise, Chinas verlangsamtes Wirtschaftswachstum, Edelmetalle sowie allgemeine Unsicherheiten in den Märkten – den Leserinnen und Lesern näher zu bringen.

Der Erdölpreis und die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft

Es war Mitte 2008, als die Preise der führenden Referenzölsorten für Europa (Nordseesorte Brent) und für die USA (WTI) über USD 147 für einen Barrel lagen. Diese Preisentwicklung von weniger als USD 20 im Jahre 1999 auf über USD 140 im Juli 2008 wurde für jeden Haushalt zur Belastung. Die Treibstoffpreise stiegen entsprechend und belasteten die Haushaltsausgaben. Die gestiegenen Ausgaben für viele Haushaltsprodukte drückten auf das Haushaltsbudget. Nicht nur offensichtliche Preisanstiege von Treibstoff und Heizöl, sondern auch erhöhte Preise für Rohstoffe, wie etwa Kunststoff oder Konsumgüter wie Ferien und Lebensmittel, führten zu einem Preisschock. Plötzlich stand der Energieverbrauch bei der Anschaffung eines Autos oder eines Hauses im Mittelpunkt der Kaufüberlegungen.

Heute, knapp acht Jahre später, kostet das Erdöl nur noch einen Fünftel vom damaligen Preis, und auch der Preis für Treibstoff ist zur Freude der meisten Konsumenten beinahe halbiert. Unternehmen und Länder, welche Öl fördern, teilen diese Freude aber bei weitem nicht, da sie durch die tiefen Marktpreise schmerzhafte Einbussen erleiden müssen. Die grossen Bewertungsagenturen Standard &  Poor’s, Moodys und Fitch haben praktisch alle erdölfördernden Unternehmen auf ihre Beobachtungsliste (negative watch) gesetzt, da die Zukunft vieler dieser Unternehmen bei den aktuellen Marktgegebenheiten ungewiss ist.

Dieser Preiszerfall ist für viele Konsumenten nicht nachvollziehbar, und es herrscht Ungewissheit, ob es sich auf diesem Niveau halten wird und was für uns die Folgen sein werden.

Wieso ist der Erdölpreis in den letzten Jahren gesunken?

Der Marktpreis wird bekanntlich durch das Zusammenspiel von Nachfrage und Angebot bestimmt. Gibt es eine Verschiebung einer oder beider Variablen, führt dies zu Preisreaktionen. Das trifft nicht nur auf Erdöl zu, sondern bei allen frei handelbaren Gütern. Beim Erdöl beobachten wir eine Kombination von beiden.

Das Angebot hat zugenommen, weil durch den hohen Preisanstieg in den Jahren zwischen 2001 und 2008 sich auch der ökonomisch sinnvolle Aufwand für die Förderung erhöhte.  Es wurden neue Quellen in grösseren Tiefen erloschen und neue Methoden zur Erdölgewinnung entwickelt, welche mit hohen Investitionen und Förderkosten verbunden waren. Die wohl bekannteste neue  Methode ist das sogenannte Fracking. Die nun neu vorhandenen grossen Quellen führen dazu, dass mehr Erdöl gefördert wird, um die Investitionen zu amortisieren. Die Angebotsschlacht geht mittlerweile so weit, dass die Mitglieder der OPEC (Organisation der Erdölexportierenden Länder) die Fördermengen nicht mehr drosseln. Das erhöhte Angebot führt natürlich zu einem tieferen Markpreis für Erdöl. Ausserdem steht mit Iran ein weiterer Kandidat am Startblock, welcher über sehr grosse Erdölreserven verfügt. Die Weltbank hat ausgerechnet,  dass der Preis unter den aktuellen Gegebenheiten auf ca. USD 10 pro Barrel fallen müsste, dürfte der Iran im jetzigen Moment uneingeschränkt wieder Erdöl exportieren. Dies hatte auch dazu geführt, dass zum Beispiel Venezuela bei der OPEC einen dringlichen Antrag stellte, die Fördermengen zu reduzieren.

Auf der anderen Seite der Gleichung sehen wir eine Stagnation der Nachfrage, obwohl die Weltwirtschaft kontinuierlich gewachsen ist. Ein Grund dafür ist, dass sich der Wirtschaftswachstum von den Entwicklungsländern wieder zurück zu den energieeffizienten, entwickelten Staaten verschoben hat. Begünstigt durch Investitionen in erneuerbaren Energien und effizientem Verbrauch, fragen diese Länder aber weniger fossile Treibstoffe nach. Zusätzlich verlangsamt sich der Wirtschaftswachstum in China, und es gibt eine Verschiebung der Investitionen des Wachstums, von der energieintensiven Infrastruktur hin zu höherem Wachstum im Dienstleistungssektor.

Zusätzlich zu den ökonomischen Faktoren kommen noch wirtschaftspolitische Entscheide, welche den Preiszerfall begünstigt haben. Länder mit tiefen Förderkosten, wie Golfstaaten und andere OPEC Mitglieder, versuchen wahrscheinlich mit den hohen Fördermengen einen Marktpreis zu erreichen, welcher für Länder mit höheren Förderkosten bedeuten würde, dass sie ihre Förderungen einstellen müssten. So versuchen sie die Konkurrenz zu eliminieren. Insbesondere die US Unternehmen, welche teure Fracking Methoden anwenden, werden hiermit im Zaum gehalten.

Wie geht es nun weiter? Gemäss vorsichtigen Schätzungen von diversen Erdölexperten können wir uns in den nächsten zehn Jahren auf tiefe Ölpreise einstellen. Die Schätzungen liegen zwischen USD 40 – 60 pro Barrel. Die magische Zahl ist hierbei die USD 60 Obergrenze, da man davon ausgeht, dass bei Preisen über USD 60 der Profit mit den Produzenten geteilt werden muss, welche Fracking Methoden benutzen. Die aktuellen Kosten für die Förderung für einen Barrel Erdöl bewegen sich für diese Technologie zurzeit bei etwa USD 60.

Was bedeuten tiefe Erdölpreise für die Weltwirtschaft, und wieso sind zu tiefe Erdölpreise nicht immer gut?

Erdölproduzierende Länder haben hauptsächlich Wirtschaftliche Güter von den OECD Staaten eingekauft. China, Russland und die Golfstaaten gehören mittlerweile zu sehr wichtigen Warenabnehmer europäischer Länder.  Die Kaufkraft all dieser Staaten nimmt mit jedem Dollar tieferem Erdölpreis ab. Die tieferen Einnahmen zwingen diese Länder, ihre Ausgaben zu reduzieren und weniger Waren aus Drittstaaten zu importieren.

Zwar wurden jetzt direkte Erdölprodukte wie Treibstoff oder Heizöl etwas günstiger, jedoch bei weitem nicht im gleichen Ausmass wie der Zerfall des Erdölpreises. Während zum Beispiel der Preis für Erdöl in den letzten drei Jahren um über 60% gesunken ist, ist der Preis für Treibstoff weltweit nur um ca. 20% gesunken. Der Grund ist in den gleichbleibenden Zusatzkosten beim Treibstoff, wie etwa Steuern und Löhne der Tankstellenmitarbeiter.

Bereits in den 1970er Jahren, als die arabischen Staaten den Erdölexport drosselten, wurde allen klar, wie stark der Einfluss des Erdöls auf die Weltwirtschaft ist. Allgemein galt bis anhin die Daumenregel, dass eine Reduktion des Erdölpreises um 10% zu einem globalen Wirtschaftswachstum von etwa 0.3 bis 0.5 Prozentpunkten führt. Allerdings sind die Preise mittlerweile auf einem Niveau, wo diese Regeln nicht mehr gelten. Die Einsparungen durch den tieferen Preis werden mehr als wettgemacht durch weitere Faktoren, welche dazu führen, dass das Wirtschaftswachstum stagniert. Eins der wichtigsten Faktoren ist die Tatsache, dass ein erheblicher Anteil der Unternehmensanleihen in den Entwicklungsländern in Projekte zur Förderung von Erdöl und weiteren Rohstoffen gegangen ist. In Ländern wie Brasilien, Russland, Venezuela, Saudi Arabien, Nigeria, Irak, Katar und weiteren Entwicklungsländern, gehören die Erdöleinnahmen zu den wichtigsten Posten im Staatshaushalt. Wenn man des Weiteren bedenkt, dass es sich bei diesen Ländern nicht um politisch stabile Erdölförderer, wie etwa Norwegen, die USA oder Kanada, handelt, dann versteht man auch, dass dort potentielle soziale Unruhen zu erwarten sind.

Auch in den wirtschaftlich entwickelten Ländern hat diese Preisbewegung direkte Einflüsse. Die Ausgabe der Anleihen wird für Unternehmen, welche direkt oder indirekt mit der Erdölförderung in Verbindung gebracht werden, im Vergleich zu den letzten drei bis vier Jahren einiges teurer. Dies als direktes Anzeichen von erhöhten Risiken. Das zieht wiederum die Wertpapiere weiterer Industrien mit runter, was zu einer Abwärtsspirale in den Weltmärkten führt.

Was somit auf den ersten Blick paradox erscheint, führt bei einer Weltwirtschaft, welche sich nur oberflächlich von der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 erholt hat, tiefe Erdölpreise eher zu einer Abschwächung des Wachstums.
Natürlich sind auch weitere Faktoren für die täglichen Bewegungen in den Finanzmärkten verantwortlich, jedoch muss zwischen kurzfristigen und längerfristig wirkenden Faktoren unterschieden werden. Die Erdölpreise gehören zu den längerfristigen, fundamentalen Faktoren der Marktbewegungen.

Zur SAFA

SAFA – Swiss Albanian Finance Association – ist eine Vereinigung albanischstämmiger Bankangestellter in der Region Zürich. Der Zweck von SAFA ist hauptsächlich, den eigenen Mitgliedern eine Plattform des Zusammenkommens (Networking) zu schaffen und deren Heimatländer (albanische Siedlungsgebiete in Südosteuropa) mit den gemeinsamen Erfahrungen zu unterstützen. SAFA versteht sich als Non-Profit Organisation und handelt weder religiös noch parteipolitisch motiviert.

Für mehr Infos: www.safassociation.ch