«Lasst uns zu den Arbëreshë fahren!»

Eine Gruppe von 54 albanischen Studierenden aus sechs Schweizer Universitäten machte sich auf den Weg nach Kalabrien in Italien, um dort die Kultur der albanischen Minderheit Arbëreshë zu erkunden. Für «dialogplus» verrieten sie die Idee und ihre Motivation zur Reise, ihre Erwartungen und ihre unvergesslichen Erfahrungen in der Begegnung mit den Arbëreshë.

Schweizer Studierendengruppe mit Arbëreshë in Civita/Kalabrien Foto: Mirëlinda Shala



Festa Camaj, 24 Jahre, aus Payerne. Mit einem Jahr zog sie aus Kosovo in die Schweiz. Studium der Philosophie, Italienischen Literatur und Linguistik an der Universität Lausanne. Stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Albanischen Studierendenvereins an der Universität Lausanne. Delegierte der Föderation Albanischer Studierender in der Schweiz für Lausanne.

Festa Camaj Foto: Anjesë Dellova
Festa Camaj Foto: Anjesë Dellova

Die Idee zur Kalabrienreise entstand während meines Auslandssemesters in Rom. Dort lernte ich Studierende kennen, die selbst Arbëreshë aus Kalabrien waren. Sie erzählten mir von dem uralten traditionellen Volksfest «Le Vallje», das alljährlich zu Ehren des albanischen Feldherrn Skanderbeg begangen wird. Zunächst schlug ich das als Projekt innerhalb des Albanischen Studierendenvereins der Universität Lausanne vor. Doch zeigten auch die Delegierten von der Föderation Albanischer Studierender in der Schweiz grosses Interesse. Und so wurde daraus eine schweizweite Studienreise der Universitäten Bern, Basel, Freiburg, Lausanne, St. Gallen und Zürich. Während sich die sechs Delegierten um die Kommunikation mit den Studierenden innerhalb ihrer Vereine kümmerten, war ich zusätzlich, aufgrund meiner Orts- und Sprachkenntnisse, für die Organisation mit den Leuten in Italien zuständig. So konnte ich alle Angelegenheiten mit den Busunternehmen, Hotels, Restaurants sowie den Museums- und Bibliotheksdirektionen regeln. Das alles war natürlich eine extrem grosse Herausforderung, wenn man bedenkt, dass schliesslich 54 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Reise antraten.

Meine grosse Erwartung steckte vor allem im Gebrauch der albanischen Sprache zwischen uns untereinander, aber auch im Umgang mit den Arbëreshë. So konnten sich die Studierenden aus dem frankophonen Teil der Schweiz sehr gut mit den Studierenden aus dem deutschsprachigen Teil der Schweiz unterhalten, denn ihre Kommunikationssprache wurde das Albanische. Auch mit den Arbëreshë konnten wir uns wunderbar auf Albanisch unterhalten.

Meine persönliche Motivation für die Kalabrienreise steht im Einklang mit den Wünschen aus dem Leben in der albanischen Diaspora. Es geht um die Anerkennung unserer Wurzeln, unserer Geschichte als Nation, wie wir uns über die Jahre auf der ganzen Welt verstreut haben. Die Arbëreshë sind das beste Beispiel für die Erhaltung der Kultur, Sprache und Traditionen in einer fünfhundertjährigen Migrationsgeschichte. Diese Kraft, die soetwas möglich macht, wollte ich aus nächster Nähe erfahren. Ich bin wirklich überrascht, welchen ausdauernden Mut und welche Loyalität sie für die Nation gezeigt haben. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, hat diese Reise eine wichtige Bedeutung für die Frage, wo wir albanischen Schweizer und Schweizerinnen in fünfhundert Jahren sein werden. Die Kultur der Arbëreshë kann für uns wegweisend sein. Die gesamte Reise war ein einzigartiges und unvergessliches Ereignis. In Civita, einem der ältesten Arbëreshë-Dörfer, umarmte uns eine Frau unter Freude und Tränen als sie von uns erfuhr, dass wir auch Albaner sind.

Arbnora Aliu, 25 Jahre, aus Zürich. Sie ist in der Schweiz geboren. Die Eltern stammen aus Mazedonien. Studium der Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich. Vereinspräsidentin des Albanischen Studierendenvereins «Studenti». Delegierte der Föderation Albanischer Studierender in der Schweiz für Zürich.

Arbnora Aliu Foto: Ariana Dragusha
Arbnora Aliu Foto: Ariana Dragusha

Ich habe mich schon immer für die Geschichte der Arbëreshë interessiert. Das begann ganz früh, als ich wissen wollte, woher mein Name Arbnora kommt. Für die Reise nach Kalabrien wollte ich Studierende aus anderen Kantonen mit den Zürcher Studierenden zusammenbringen. Die einzige Erwartung war, dass wir alle zum Schluss der Reise wunderschöne Erinnerungen mitnehmen können. Und das ist definitiv der Fall. Unvergesslich bleibt für mich das Erlebnis, als Don Antonio Belushi uns erzählte, dass seine Mutter, als er noch klein war, unbedingt darauf bestand, dass er zu Hause Albanisch sprach. Es hat mich sehr berührt, und ich werde das so für die Erziehung meiner Kinder mitnehmen.

Die grösste Herausforderung bei der Organisation der Reise war, dass wir immer alles in den sechs Vereinen planen und abklären mussten. Wäre es eine Reise nur für Zürcher gewesen, wäre es sicher einfacher gewesen. Das Organisationsteam (aus jedem Verein eine Person) hat das aber sehr gut meistern können. Wir waren immer im permanenten Austausch und haben immer wieder Skype-Konferenzen abgehalten. Natürlich war es auch eine Herausforderung, da es ein Pilotprojekt war. Niemand von uns hatte so eine Reise je geplant. Ich würde es auf jeden Fall wieder machen!

Emsale Selmani, 23 Jahre, aus Bern. Sie ist in der Schweiz geboren. Ihre Eltern stammen aus Kosovo. Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Bern. Vorstandmitglied des Albanischen Studierendenvereins in Bern. Delegierte der Föderation Albanischer Studierender in der Schweiz für Bern.

Emsale Selmani Foto: Mirëlinda Shala
Emsale Selmani Foto: Mirëlinda Shala

Meine persönliche Motivation für die Kalabrienreise war, mein kulturelles Wissen über die albanische Geschichte zu fördern und vor allem mit den Arbëreshë zu kommunizieren. So wollte ich erfahren, wie es ist, seit 500 Jahren in einem fremden Land zu leben und trotzdem seine Wurzeln nicht vergessen zu haben. Meinen Wissenshorizont konnte ich durchaus vergrössern. Überraschenderweise wurde ich auch zu einer noch grösseren Patriotin während dieser Reise. Besonders geprägt hat mich der Besuch bei Don Antonio Belushi. Er hat uns die Legende von Konstantin und Dorentina erzählt, wobei er Tränen in den Augen hatte. Ein sehr emotionaler Moment für mich. Seine Bibliothek mit albanischen Büchern hat mich fasziniert und seine gastgeberische Herzlichkeit sehr beeindruckt.

Zudem wollte ich, dass es zum kulturellen und sozialen Austausch zwischen den albanischen Studierenden kommt, die aus verschiedenen Regionen im Albanisch sprechenden Raum stammen. Wir lernten sehr viele neue und vor allem interessante Leute kennen. Glücklicherweise gab es sehr wenige Gruppenbildungen, sondern die Leute aus den verschiedenen Vereinen waren wild gemixt.

Venhar Musliu, 29 Jahre, aus St. Gallen. Er ist in der Schweiz geboren. Seine Eltern stammen aus Preshevo. Studium für Marketing und Kommunikation an der Universität St. Gallen. Vorstandmitglied des Vereins Albanischer Studierenden an der HSG. Delegierter der Föderation Albanischer Studierender in der Schweiz für St. Gallen.

Venhar Musliu Foto: zVg.
Venhar Musliu Foto: zVg.

Mit der Kalabrienreise wollten wir den Studierenden etwas bieten, was sie zuvor noch nicht gesehen und nicht erlebt haben. Die meisten haben Kontakt zur albanischen Kultur, indem sie sich in den albanischen Studierendenvereinen engagieren oder in den Ferien in die Heimat fahren. Mit der Reise wollten wir sie an einen Ort bringen, der für gewöhnlich nicht bereist wird. Was auch sehr wichtig war, dass einmal viele albanische Studierende aus der Schweiz zusammenkommen und gemeinsam etwas unternehmen. Damit sie auch offen werden für zukünftige Unternehmungen.

Meine persönliche Motivation war es, die Geschichte der Arbëreshë kennenzulernen und auch im direkten Kontakt zu sehen, wie sie wirklich leben. Ein besonderes Erlebnis war es, den Nachfahren in der 30. Generation von Gjergj Kastrioti – Skenderbeg – in Civita zu treffen. Dann gab es noch eine alte Dame beim Volksfest in Civita, die voller Power und Elan war. Sie hat mit ganz viel Herzblut gesungen und getanzt. Das war wirklich sehr beeindruckend. Mir ist aufgefallen, dass die Bevölkerung recht alt ist. Nur wenige junge Menschen habe ich angetroffen.

Rilind Ajeti, 21 Jahre, aus Payerne. Er ist in der Schweiz geboren. Seine Eltern stammen Kosovo. Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Freiburg. Vorstandsmitglied vom Albanischen Studierendenvereins der Universität Freiburg.

Rilind Ajeti Foto: Valmire Avdiu
Rilind Ajeti Foto: Valmire Avdiu

Ich wollte mich von den Arbëreshë inspirieren lassen, mit ihnen diskutieren und schauen, wie sie ihr Leben strukturiert haben, um ihre Tradition, ihre Sprache und ihre Identität so lange wie möglich zu erhalten. Denn ich denke, dass der Prozess der Assimilation unserer Generation in der Schweiz viel schneller verläuft als in deren Gesellschaft. Wir haben etwas gemeinsam: wir sind alle Migranten. Doch die Arbëreshë hatten einen ganz anderen Kontext. Sie haben lange Zeit im ländlichen Raum gelebt und Fortschritts- und Globalisierungsprozesse erst spät erfahren. Wir in der Schweiz erleben eine viel schnellere Entwicklung und eine grössere Mischung von unterschiedlichen Kulturen. Deshalb denke ich, dass man diese beiden Entwicklungen nicht miteinander vergleichen kann.

Vor allem beeindruckend fand ich den Moment, als ich die Albaner aus Kosovo, Albanien und die Arbëreshë alle in einem Reigentanz gemeinsam tanzend und singend vereint sah. Ich dachte, dass ich in Kalabrien Italiener mit albanischen Einflüssen treffen werde. Doch ich fand Albaner mit italienischen Einflüssen. Viele Lieder, die sie gesunden haben, kenne ich, weil wir sie auch bei uns singen. Ich habe nicht erwartet, dass wir so vieles gemeinsam haben. Wir haben einen Priester getroffen, der uns sagte, dass die Besa – das albanische Ehrenwort – und die Gastfreundschaft zu unseren wichtigsten kulturellen Elementen gehören. Besonders berührt hat mich die Lebenseinstellung von Katharina, der 80-jährigen Schwester von Don Antonio Belushi. Sie kämpft auch im hohen Alter mit einer grossen Leidenschaft für die Erhaltung der Sprache.

Andi Dyla, 21 Jahre, aus Basel. Er ist in der Schweiz geboren. Seine Eltern stammen aus Kosovo. Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Vorstandmitglied des Vereins Albanischer Studierenden an der Universität St. Gallen.

Andi Dyla Foto: Mirëlinda Shala
Andi Dyla Foto: Mirëlinda Shala

Ich wollte unsere Landsleute in Kalabrien besuchen. Allein die Möglichkeit, sich mit einem Arbëresh auszutauschen und zu sehen, wie sich die albanische Sprache während 500 Jahren entwickelt hat, hat bei mir einen starken Eindruck hinterlassen. Es hat mich überrascht, wie gut sie sich dort etabliert haben. Meine Eltern waren schon einmal in Kalabrien und Sizilien, wo es auch viele Arbëreshë gibt. Sie meinten, die Spräche hätte sich doch sehr verändert, und nur indem man sich konzentriert und gut zuhört, könne man sie verstehen. Ich war dann überrascht, dass die Kommunikation doch sehr gut gegangen ist. Natürlich gibt es auch italienische Einflüsse. Das hat man schon herausgehört. Es hat viele Erlebnisse gegeben, die mir lange in Erinnerung bleiben werden. Letztlich hat die Gastfreundschaft der Arbëreshë alle meine Erwartungen übertroffen.

Arbër Gashi, 23 Jahre, aus Vevey. Mit sechs Jahr zog er aus Kosovo in die Schweiz. Studium der Sozialwissenschaften und Psychologie an der Universität Lausanne. Generalsekretär des Albanischen Studierendenvereins an der Universität Lausanne.

Arbër Gashi Foto: Mirëlinda Shala
Arbër Gashi Foto: Mirëlinda Shala

Ich wollte vor allem herausfinden, ob die Arbëreshë ihre ursprüngliche Sprache erhalten haben und ob ich deren Sprache verstehen kann, auch wenn sie anders ist als meine Muttersprache. Als Migrant in der Schweiz wollte ich ein Beispiel finden, wie man eine Kultur und ihre Sprache erhalten kann. Wir in der Schweiz haben unsere Muttersprache viel zu schnell verlernt, obwohl wir viel mehr Möglichkeiten haben, uns weiterzuentwickeln. Für mich ist es wichtig, von den Arbëreshë zu lernen, wie man gemeinsam Werte und Traditionen erhalten sowie zusammen leben und arbeiten kann. Ich war neugierig, zu erfahren, ob die Arbëreshë auch so gastfreundlich sind, wie wir es in Kosovo sind.

Als wir zum Volksfest nach Civita gingen, kamen sie auf uns zu und luden uns zum Tanzen und Singen ein. Ich fand das sehr interessant, dass sie sofort auf uns zugingen und sich mit uns unterhalten wollten. Einen alten Arbëreshë fragte ich: «Wie fühlen Sie sich im Herzen?“ Er gab mir die Hand und sagte lächelnd im Vorbeigehen: «Sempre Arbëresh!» («Immer Arbëresh!»)

Vlera Kamberi, 20 Jahre, aus Bern. Sie ist in der Schweiz geboren. Ihre Eltern stammen aus Kosovo. Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen.

Vlera Kamberi Foto: Mirëlinda Shala
Vlera Kamberi Foto: Mirëlinda Shala

Ich wollte schon lange etwas mit den albanischen Studierenden aus den anderen Universitäten der Schweiz unternehmen. Gleichzeitig war ich neugierig, zu sehen, wie die Arbëreshë wirklich leben. Denn ich kannte sie zuvor nur aus dem Fernsehen. Ein absolutes Highlight war das Volksfest in Civita, und das Mittanzen und Mitsingen. Durch das Tanzen entstand eine Bindung zwischen uns und den Arbëreshë. Es war einfach pure Freude. Besonders faszinierend fand ich, einen jungen Arbëresh mit Dreadlocks zu sehen. Er gehörte als Trommler zu einer Musikgruppe, und ich musste unbedingt ein Foto mit ihm machen.