«Shok» – über Freu(n)de und Schrecken

Harvey Ascott und Eshref Durmishi - Macher des für den Oscar 2016 nominierten Kurzfilms «Shok» - kamen am 3. Mai 2016 auf Einladung des Albanischen Studierendenvereins «Studenti» an die Universität Zürich. Jetmir Behluli, Vorstandsmitglied von «Studenti», moderierte den Diskussionsabend.

Harvey Ascott und Eshref Durmishi an der Universität Zürich, Foto: Mirëlinda Shala



Der britische Produzent Harvey Ascott und der kosovarische Produzent und Schauspieler Eshref Durmishi sprachen über ihren gemeinsamen Kurzfilm «Shok», der auf zahlreichen internationalen Filmfestivals für grosses Aufsehen gesorgt und sogar Kosovo zum ersten Mal in der 88-jährigen Geschichte der Academy Awards auf die Nominiertenliste gebracht hatte. Über 200 Interessierte versammelten sich in einem grossen Hörsaal der Universität Zürich und waren nicht sparsam mit Jubel und Applaus.

Foto: Ariana Dragusha
Foto: Ariana Dragusha

Kosovo: zweites Zuhause für zwei Briten

Der britische Regisseur Jamie Donoughue und der Produzent Harvey Ascott reisten vor einigen Jahren nach Kosovo, lernten dort das Land kennen und machten es zu ihrem «zweiten Zuhause». «Für mich als Brite ist es unglaublich, wie offen und ehrlich die Leute in Kosovo sind. Das ist wirklich magisch. Ich kann stundenlang dasitzen und mir deren Geschichten anhören», gestand Ascott offen. Viele dieser Geschichte verarbeiteten die zwei Briten mit dem kosovarischen Freund Eshref Durmishi in dem gemeinsamen Kurzfilm «Shok».

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Eshref Durmishi, Harvey Ascott, Jetmir Behluli (v.r.), Foto: Ariana Dragusha

Drei wahre Begebenheiten

«Shok», so erklärten Ascott und Durmishi nach der Filmvorführung, basiere auf drei unterschiedlichen Begebenheiten, die Durmishi beziehungsweise seine Freunde in der serbischen Repressionszeit der 1990er Jahre erlebt hätten. Der erste Teil des Films erzähle die Geschichte von Durmishis Freund Alban, der vor dem Krieg Zigarettenpapier an serbische Soldaten verkaufte. Die Bus-Szene habe Durmishi selbst mit 14 Jahren erfahren, in einer Zeit in der die serbische Regierung die albanischen Schulen und das albanische öffentliche Fernsehen in Kosovo schliessen liess. Albanische Kinder und Jugendliche waren gezwungen, den serbischen Unterricht zu besuchen. Es gab jedoch viele, die weiterhin verdeckt in Privathäusern Unterricht nahmen. Und so habe auch Durmishi mit seinen Freunden nicht aufgehört, zum albanischen Schulunterricht zu gehen. Über das für den Film so wichtige Schlüsselerlebnis erzählte er: «Ich war auf dem Weg zur Schule. Auf den Strassen gab es viele Check-Points, an denen serbische Soldaten patrouillierten. So kamen sie auch in unseren Bus und fragten die Leute nach ihren Personalausweisen. Als ein Soldat zu mir kam, fragte er auch mich, doch mit 14 Jahren verstand ich kein Serbisch. Er schlug mich deshalb und sagte zu mir: ‹Das nächste Mal, wenn ich dich sehe, wirst du Serbisch sprechen. Du wirst sogar Serbisch singen!›» Die dritte und letzte Geschichte sei von Petrit gekommen, einem Freund von Durmishi, Ascott und Donoughue. «Petrit lud damals seinen Freund zu sich nach Hause ein. Am nächsten Tag stürmten serbische Soldaten das Haus und zwangen die Familie zu fliehen. Sie sagten, sollte jemand zurücksehen, so werde er sofort erschossen. Und tatsächlich, Petrits Freund sah zurück und wurde erschossen.»

Kriegserinnerungen als Ressource

Durmishi betonte, wie wichtig es sei, die eigene Geschichte zu erzählen, um gehört und verstanden zu werden: «Ich habe meine persönliche Geschichte der Welt gezeigt, in diesem Film und auch auf unterschiedlichen Theaterbühnen. Ich will nicht, dass jemand anderer meine Geschichte erzählt, so wie ich sie gar nicht kenne.» Nachdem er über seine Kriegserfahrungen gesprochen hatte, reflektierte er über Möglichkeiten der kraftgebenden Erinnerung: «Den schlimmsten Fehler, den wir begehen können, ist, den Krieg zu vergessen. Ich werde niemals den vergangenen Krieg vergessen. Doch ebenso ist es ein grosser Fehler, in der Vergangenheit zu stecken. Denn das hindert uns daran, in die Zukunft zu schauen.»

Dennoch unterstrich Ascott, es handle sich bei «Shok» um keinen politischen Film. «Das, was im Film dargestellt wird, kann überall auf der Welt passieren; in Syrien, in Simbabwe, einfach überall. Wir wollten einfach eine Geschichte von zwei jungen Menschen vor dem Hintergrund des Kriegs erzählen.» Durmishi fügte hinzu: «Vor allem geht es um eine Geschichte der Freundschaft, die Menschen weltweit berühren kann.»

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Eshref Durmishi, Harvey Ascott (v.r.), Foto: Ariana Dragusha

«Shok» soll schockieren und aufrütteln

Der Filmtitel sei bewusst zweideutig formuliert worden, erklärte Durmishi. Zum einen geht es um die albanische Bezeichnung «Shokë», das im Deutschen «Freund» bedeutet und auf die Freundschaft der beiden Hauptfiguren verweist, zum anderen geht es um den «Schock», den der Film beim Publikum auslösen soll. Durmishi beschrieb die starke Wirkung: «Nicht selten sah ich nach der Filmvorführung weinende Gesichter.» Tränen schiessen einem spätestens dann in die Augen, wenn in der Szene, in der die albanische Familie von serbischen Soldaten lauthals aus dem Schlaf gerissen und nach draussen geführt wird, während aus dem Off ein traditionelles Wiegenlied erklingt und sich tröstend auf das reale Schrecken mit der herbeigesungenen Freude über das Erwachsenwerden legt. Das Aufeinanderprallen von Frieden und Schrecken ist in dieser Szene nur schwer zu ertragen.

Die Dreharbeiten verlangten von der gesamten Filmcrew, an die physischen und psychischen Grenzen zu gehen. «Eine Bewohnerin des Hauses kam zu uns und erzählte, dass es sich hier genau so abgespielt hatte, wie wir das gerade drehen wollten», erzählte Durmishi und verwies auf den Wunsch der Bewohnerin, genau diese Erlebnisse in die Welt hinauszutragen.

«Welcome to the Academy Awards»- Kosovo auf die Landkarte bringen

 «Ich weiss nicht, wie oft ich zu Bett gegangen bin und mir vorgestellt habe, wie ich bei den Academy Awards über den roten Teppich schreite», verriet Durmishi und erzählte, wie eben dieser Traum wahr wurde. «Erst als wir in Los Angeles mit der Limousine vor dem roten Teppich ankamen, uns Männer mit weissen Handschuhen die Türen aufmachten und uns mit ‹Welcome to the Academy Awards› begrüssten, realisierte ich es!» In der Nominiertenlounge sassen sie mit Filmgrössen wie Steven Spielberg.

Diesem aufregenden Erlebnis ging ein anderes zuvor, wie Ascott erzählte: «Eines der besten Tage in meinem Leben war der 14. Januar, als wir in einer Bar in Prishtina zusammensassen und uns die Oscar-Nominierungen ansahen und wir uns unter den Nominierungen wiederfanden. Wenn man bedenkt, dass über zehn Tausend Kurzfilme weltweit produziert werden, und Kosovo ist unter den Top 5 bei den Oscars, dann ist das einfach unglaublich! Bei den Academy Awards realisierten wir schnell, dass das Arbeiten am Film nichts war im Vergleich zu den Arbeiten rund um die Oscar-Verleihung. Was wir dort taten, war, Kosovo auf die Landkarte zu bringen. Alle amerikanischen Medien kannten uns und lernten damit auch Kosovo kennen.» Durmishi ergänzte unter Applaus: «Wir sprachen dort über Kosovo und seine Geschichte. Und das war das Aufregendste überhaupt.»

Blühende Zukunft von Kosovo

Ascott zeigte sich zukunftssicher und hoffnungsfroh: «Kosovo erfährt momentan grossartige Dinge. Majlinda Kelmendi hat für Kosovo Gold bei den Europäischen Judo-Meisterschaften geholt. Heute wurde Kosovo zum neuen Mitglied in der UEFA ernannt. Wir fühlen uns sehr gestärkt dadurch.»

Ascotts Faszination für das Land bringt ihn dazu, noch weitere Projekte auch gemeinsam mit Durmishi anzugehen. Auch Durmishi zeigte sich optimistisch: Wir werden grosse Firmen und grosse Namen des Films nach Kosovo bringen. Nun gibt es einige Firmen, die an Produktionen in Kosovo interessiert sind und investieren möchten. Jetzt geht es darum, die richtige Geschichte zu finden.

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Schweizer Studierende mit Eshref Durmishi und Harvey Ascott im «Shok»-Fieber, Foto: Ariana Dragusha