Luljeta Granwehr-Daka: «Herausforderungen statt Flucht»

«Kannst du lesen und schreiben?» fragte ein Schweizer Nachbar die Albanerin Luljeta Granwehr-Daka, nachdem sie vor 14 Jahren in die Schweiz gezogen war. Ja, die studierte Albanologin konnte lesen und schreiben. In Albanien war sie bereits Übersetzerin gewesen, bevor sie in der Schweiz von der Hausfrau zur Migrationsfachfrau wurde.

Luljeta Granwehr-Daka Foto: zVg.



Trotz der Unfreiheit ihres Landes konnte Luljeta Granwehr-Daka in einer Freiheit des Denkens innerhalb der Familie aufwachsen. Vor allem ihr Vater, ein bekannter Schriftsteller und Regisseur, vermittelte ihr die Liebe zur Kunst, Sprache und Kulturvermittlung. Im Gegensatz zur Zeit des Vaters, die als «Goldene Zeit» Albaniens in die Geschichte eingegangen war, konnte die Tochter Deutsch nicht in der Schule lernen. Sie baute auf die Deutschkenntnisse des Vaters auf und erlernte autodidaktisch die Sprache.

Öffentliche Unsicherheiten – Privates Glück

1993, das bekannte «Jahr Null» Albaniens, stellte auch eine Zäsur im privaten Leben von Granwehr-Daka dar. Das kommunistische System war gefallen, das Land musste sich neu orientieren, eine Transitionszeit begann. Die Caritas Schweiz sowie die Caritas Österreich waren jene von vielen Organisationen, die in den Aufbau des Landes investierten. In deren Auftrag ging der Schweizer Heizungs- und Sanitärmonteur Erik Granwehr nach Albanien, um dort Zentralheizsysteme in Gebärkliniken aufzubauen. Auch der Liebesfunke sprang von den Schweizer Alpen über das Adriatische Meer nach Tirana. Erik verliebte sich in seine 23-jährige Übersetzerin Luljeta. Bald stellte sich die Frage, ob das Paar in der Schweiz oder in Albanien zusammenleben wollte. Erik führte eine Firma in der Schweiz, und dennoch gab er diese auf, um in Albanien mit seiner Luljeta zu leben. Damals fühlte sie sich noch nicht soweit, um ihr Land zu verlassen. «Ich wollte nicht gehen, ich wollte etwas für mein Land tun», sagt sie nachdrücklich über die Entscheidung gegen die Schweiz.

Das Ehepaar führte eine Heizungs- und Sanitärfirma in Tirana. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, welche allgemeine Unsicherheit im Land herrschte. Luljeta engagierte sich ehrenamtlich für viele Projekte der Caritas und übernahm darin eine wertvolle koordinierende und vermittelnde Rolle zwischen den albanischsprachigen und deutschsprachigen Projektstellen. 1997 kam die zweite Tochter zur Welt. Ein Freudenjahr für das private Glück, während das Land durch Unruhen rund um den Zerfall der Pyramidensysteme wieder einmal in Unsicherheit geriet. Als 2001 die Töchter Michele und Jacqueline, fünf und drei Jahre alt geworden waren, stand die Frage im Raum, wo sie die besseren Bildungschancen haben würden. Im Vordergrund der Überlegung standen die Integrationschancen der Kinder. «Als Mutter denkst du in erster Linie an die Zukunft deiner Kinder.» Es wurde klar, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen war, um in die Schweiz zu ziehen.

Von der Frontfrau zur Hausfrau

War sie es gewohnt, in Albanien beruflich immer auf Achse und im steten Kundenkontakt zu sein, so musste sie sich in der Anfangszeit in der Schweiz mit der Selbstverständlichkeit als Hausfrau und dem sozialen Kontakt zu wenigen Nachbarn abfinden. Diese Verlangsamung, dieser grundlegende Wandel war zunächst unerträglich für Granwehr-Daka. Hinzu kamen Vorurteile, denen sie begegnen musste. Ein Nachbar fragte sie sogar: «Kannst du lesen und schreiben?» Ihre Reaktion: Sprachlosigkeit, Verwirrung. «Nach diesem Erlebnis habe ich verstanden, dass es nötig ist, solchen Menschen mit Offenheit zu begegnen und ihnen zu zeigen, wer man ist, woher man kommt und was man hier wirklich macht. Nicht immer hat man das Bedürfnis, die Herkunft offenzulegen, aber manchmal ist es eben nötig. Nicht nur zum eigenen Nutzen, sondern zum Nutzen der anderen, die mit gleichen Vorurteilen konfrontiert werden. Hier musste ich mich neu beweisen und mich neu orientieren», so beschreibt sie den «Übergang von einem Extrem zum anderen».

«Es ist nicht so, dass sie nicht glücklich gewesen wäre, jedoch fehlten ihr einfach ihr früheres Leben, ihr Freundeskreis und ihre Familie», schreibt Tochter Michele in ihrer Maturarbeit aufrichtig über die grundlegende Entwurzelung ihrer Mutter. Von Heimweh geplagt liess sich Granwehr-Daka langsam auf das Leben in der Schweiz ein. Zunächst akzeptierte sie ihre Situation, denn sie war sich ihrer Mutterpflichten bewusst. 2002 wurde sie erneut Mutter. Mit drei kleinen Kindern hatte sie zu Anfang nur wenige Entfaltungsmöglichkeiten. Ihr Mann nahm seine Arbeit wieder auf, sie war mit den Kindern zuhause. Um ihren Tatendrang zu stillen, absolvierte sie einen Französischkurs und nahm Klavierunterricht. Doch auch das reichte ihr auf Dauer nicht. Eine Arbeit passend zu ihrer Ausbildung in ihrer Heimat war damals in weite Ferne gerückt, denn ihre Diplome wurden in der Schweiz nicht anerkannt.

Von der Hausfrau zur Migrationsfachfrau

Nach vier Jahren zog Familie Granwehr-Daka von Zürich nach Graubünden in das Elternhaus von Erik. Für Erik war es eine Rückkehr, für Luljeta eine Neupositionierung. Nun fiel es ihr leichter, schneller Kontakte zu knüpfen und sich mehr zu engagieren. Ehrenamtliche Arbeit in verschiedenen Vereinen wie im Migrantinnennetzwerk «Femint» leistete sie immer mit einem bestimmten Auftrag. Kunst und die Begegnung mit den Menschen aus verschiedenen Kulturen lag ihr schon immer am Herzen. Ihre Leidenschaft legte sie insbesondere in Tätigkeiten, in denen ihre eigene Muttersprache vertreten war. 2010 wurde sie Vorstandsmitglied in der Gesellschaft Schweiz – Albanien. Sie sah auch, dass es einen grossen Bedarf an Dolmetscherinnen gab. Deshalb machte sie den Eidgenössischen Fachausweis zur interkulturellen Dolmetscherin, und darauf aufbauend den zur Migrationsfachfrau. Diese Ausbildungen sah sie als Trampolin, um in den Arbeitsbereich der Migration zu springen, denn hier waren ihre Interessen und Wünsche zur interkulturellen Vermittlung vertreten.

Information zur Integration

Nun arbeitet Granwehr-Daka für die Stiftung Mintegra. Dort ist sie für die Abteilung Familienasyl und Familiennachzug sowie für unterschiedliche Integrationsprojekte zuständig. So leitet sie beispielsweise seit Anfang 2016 ein einzigartiges Projekt zur Integration von Flüchtlingsfrauen. Basierend auf ihren eigenen Erfahrungen auf dem Weg zur Integration in die Schweizer Gesellschaft hat Granwehr-Daka auch selbstständig ein Kursangebot für albanischsprechende Migrantinnen entwickelt. Dieser Kurs wird von der Fachstelle Integration Graubünden anerkannt und unterstützt.

Die Informationen, die ihr damals beim Ankommen in der Schweiz gefehlt haben und sie selbst mühsam erlangt hat, möchte sie nun weitergeben, damit andere Frauen schneller und sicherer am öffentlichen und privaten Leben in der Schweiz teilhaben können. Themen wie das Ankommen und Wohnen in der Schweiz stehen ebenso auf dem Programm wie Informationen über das Bildungswesen und den Weg zum Beruf. Wichtige Tipps zum Gesundheitswesen und Krankenversicherungen sowie zur Arbeit und Sozialversicherungen zählen ebenfalls zum Kursangebot. Auch gibt es allgemeine Hinweise, die den Frauen helfen, Sicherheit im Alltag zu gewinnen.

Das Feedback der Frauen und deren Angehörigen ist sehr positiv. «Es ist auch eine Entlastung für die Familienangehörigen, wenn die Frauen selbstständig werden und selbst zum Arzt gehen, Behördenwege erledigen oder gar eine Arbeitsstelle finden können», beschreibt Granwehr-Daka den Erfolg des Integrationskurses. Ihr Erfolgsgeheimnis: «Neben Erfahrung und Wissen braucht man für diese Arbeit auch Empathie, die man mit dem eigenen Migrationshintergrund automatisch mitbringt. Es sind Reflexions- und Lernerfahrungen als wichtige Grundlage für ein neues Leben in einem neuen Land.»