Flaka Goranci: Flamme für den Gesang

In ihrer Stimme verbirgt sich die Klang gewordene Schönheit albanischer Lieder sowie die Weltmusik in ihrer Sprachenvielfalt. Auf Opernbühnen strahlt sie in Rollen als Rosina, Dorabella, Cherubino, Dido, Ida oder Bojana ebenso wie auf Konzertbühnen in Kleidern von kosovarischen Designerinnen wie Flutra Dedinja oder Dashurije Elshani. Von Gjakova nach Prishtina, Tirana, Tel Aviv und schliesslich von Wien aus singt sich die Mezzosopranistin Flaka Goranci in die Welt der klassischen Musik.

Flaka Goranci (Mezzosopran), Mennan Bërveniku (Piano), Foto: Mirëlinda Shala



Als Kind einer Ärztin und eines Elektroingenieurs kam Flaka Goranci in Gjakova, Kosovo, zur Welt. Schon früh entwickelte sich bei der ruhigen und ehrgeizigen Tochter das Interesse für Musik. Mit gerade einmal sieben Jahren nahm sie bereits Klavierunterricht. Nachdem sie später mit ihrer Familie in die Hauptstadt Prishtina gezogen war, besuchte sie das Gymnasium und gleichzeitig die Mittelschule für Musik. Die Segel für eine besondere Gesangskarriere wurden gesetzt.

«Die Flaka, die singt»

Ihre Stimme, mit der sie schon früh Gesangswettbewerbe gewann, stach immerzu heraus. Schon als Kind war sie bekannt als «die Flaka, die singt». Die Schulerfahrungen beeinflussten ihre Entscheidung, Opernsologesang zu studieren. Auf der Suche nach einem Studienplatz in Prishtina stiess sie jedoch auf Gegenwind. «Auch wenn viele sagten, dass Tirana sowieso besser sei, wollte ich in Prishtina in der Nähe meiner Familie studieren. Die Kriegserfahrungen waren noch so frisch. Ich hatte Angst vor einer Trennung. Doch als ich in Prishtina zum zweiten Mal abgelehnt wurde, musste ich nach Tirana.» Goranci schaffte die Aufnahmeprüfung an der Musikakademie in Tirana bei der für ihre Strenge bekannten und geschätzten Professorin Suzana Frashëri und studierte dort vier «intensive und wunderbare Jahre».

Die Mühe und die viele Arbeit machten sich bezahlt. Ihre Debütrolle war Rosina in Gioachino Rossinis «Der Barbier von Sevilla» an der albanischen Staatsoper in Tirana. Das blieb nicht ihr einziger Erfolg auf der steil nach oben gerichteten Karriereleiter. «Um Erfolg zu haben», so ist Goranci überzeugt, «muss man ausserordentlich gut vorbereitet sein auf alles, was einem das Leben anbietet. Dazu sind Selbstbewusstsein und der Wille zur Verantwortung enorm wichtig. Das alles spiegelt sich im Auftreten wider.»

Von Tirana nach Tel Aviv

Ihren Erfolgsprinzipien blieb sie auch treu, als sie 2008 bei der israelischen Sopranistin Tamar Rachum in Wien vorsingen durfte. Shkëlzen Doli, Violinist bei den Wiener Philharmonikern und Freund der Familie Goranci, hatte sie miteinander bekannt gemacht. Das Vorsingen war im Haus der berühmten Hildegard Zadek, einer deutsch-österreichischen heute 98-jährigen Opernsängerin und Gesangspädagogin. Zadek und Rachum wurden später zu den wichtigsten Personen, die Gorancis Gesangstalent förderten. «Für Tamar Rachum», so beschreibt es Goranci, «war es das erste Mal, dass sie eine kosovarische Studentin vor sich singen hörte.» Goranci konnte die strenge Professorin der «Buchmann-Mehta School of Music» in Tel Aviv mit einer Arie aus der Oper «Samson et Dalila» überzeugen. So beschloss Rachum kurzerhand, ein Stipendium für ein zweijähriges Masterstudium an der Universität Tel Aviv für Flaka Goranci zu vergeben.

«Es war genau das, was ich machten wollte», erzählt sie mit einem Funkeln in den Augen über diesen besonderen Schlüsselmoment. Die Zeit in Tel Aviv beschreibt Goranci als aufregend und extrem arbeitsintensiv, ebenso befremdlich. «Es war interessant, dass ich einfach jede Sprache der Welt hören konnte, nur nicht Albanisch. Deshalb fühlte ich mich am Anfang sehr fremd, wie verloren. Das Klima war anders, die Mentalität war anders.» Nach und nach konnte sie sich jedoch gut einleben und eine familiäre Beziehung zu den internationalen Studierenden aufbauen. Waren sie doch alle «Fremde in einem fremden Land».

Aufbruch zum Zentrum der klassischen Musik

Nach dem harten Studium legte Goranci eine Reflexionszeit zuhause in Kosovo ein. Sie gab Gesangsunterricht und einige Konzerte im Land. Doch die Auftritte im Ausland waren mit vielen Hürden verbunden. Nicht nur finanziell, auch organisationstechnisch waren sie recht aufwendig. So musste sie lange auf Reisevisa warten. Ihre künstlerische Tätigkeit war damit stark eingeschränkt. Als sie 2013 ein Stipendium von der Hildegard-Zadek-Stiftung zur Förderung hochbegabter Sängerinnen und Sänger erhielt, entschied sie sich, zum Zentrum der klassischen Musik, nach Wien zu ziehen.

Schon nach kurzer Zeit bekam Goranci die Möglichkeit, mit dem berühmten Dirigenten Nikolaus Harnoncourt im Theater an der Wien zusammenzuarbeiten. Es folgten weitere Aufträge unter der Führung von namhaften Dirigenten wie Manfred Mayrhofer, Vittorio Parisi, Ze’ev Dorman, Yishai Steckler, Zhani Ciko, Leonardo Quadrini oder Xu Yi-An. Auch besuchte sie Meisterklassen bei weltberühmten Künstlerinnen und Künstlern wie Dan Ettinger, Uwe Eric Laufenberg, Charles Spenser oder Vito Brunetti.

Auf den Bühnen zahlreicher Konzerte und Festivals kann Goranci mit ihrer Gesangskunst in vielen Sprachen glänzen. Neben ihren Engagements in Wien spielt sie im Juni 2016 am Opernfestival von Alden Biesen in Belgien die Rolle der Olga in Tschaikowskis «Eugen Onegin». Zu ihrem Repertoire zählen ausserdem bekannte Opern wie die von Mozart, Rossini, Purcell, Weill, Bizet und Massenet ebenso wie Volksmusikbearbeitungen aus zahlreichen Ländern der Welt. Einen besonderen Bezug hat Flaka Goranci natürlich zu den Liedern ihrer eigenen Herkunftskultur.

«Albanian Flowers»

Oft wurde sie fern ihrer Heimat gefragt, welche Kultur in Kosovo verborgen liege, welche Musik dort zu hören sei. Aus dieser Situation entsprang der Wunsch, ein Album zusammenzustellen, das den Musikschatz ihrer Heimatkultur repräsentieren sollte. Für das Projekt holte sich Goranci Unterstützung bei dem albanischen Violoncellisten Edison Pashko und der rumänischen Violinistin Adela Frasineanu, die bei den Wiener Philharmonikern engagiert sind, sowie beim kosovarischen Pianisten Mennan Bërveniku, Student und Korrepetitor an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Gemeinsam als Ensemble «Dielli» nahm Goranci in Wien das Album «Albanian Flowers» auf, indem alte Volkslieder aus Süd, Nord- und Mittelalbanien sowie den kosovarischen Städten Prizren, Prishtina, Mitrovica und Gjakova neu interpretiert werden.

Gedacht ist das Album als «musikalischer Reiseführer» durch Albanien und Kosovo. «Es sind Lieder, die uns mehr als alles andere als Volk verbunden haben», erklärt Goranci die Auswahl der Lieder. «Das Album behandelt historische Themen auf musikalische Weise. Es beinhaltet sowohl über 100 Jahre alte Lieder, bei denen wir den Urheber gar nicht kennen, als auch Lieder aus dem 20. Jahrhundert, bei denen wir wissen, wer sie komponiert hat.» Ein neuartiges Wagnis, albanische Volkslieder in die klassische Musik der internationalen Bühnen zu übertragen. Das Album erzielte nach der Veröffentlichung und einer Reihe von Promotionskonzerten Ende 2015 international eine ausserordentlich positive Resonanz. Das Album «lässt die Hörerschaft in die unglaubliche Klangfülle und Zartheit der Terra incognita des Balkans eintauchen», schreibt die Wiener Zeitung und findet Gorancis Musik «schlicht wunderschön» und «bezaubernd».